Bekommst du Geld für deine Arbeit? Wahrscheinlich schon. Außer du machst irgendwas Kreatives.
In der 11. Klasse machte ich ein Praktikum in einer Logopädie. Dort habe ich nicht nur gelernt, meine Stimme einzusetzen. Meine Logopädin Steffi bläute mir auch einen Satz ein, den ich erst Jahre später richtig verstehen sollte:
»Verkauf dich nie unter Wert!«
Aber was heißt das eigentlich?
Das Problem der Kunst
»Oh, du bist Künstler? Hast du auch einen richtigen Job?«
Wer malt, singt oder auf der Bühne performt, kann das meist nur als Hobby machen. Weil Kunst doch nichts kosten darf. Wir streamen nebenbei Spotify und Netflix, ziehen uns Hörbücher rein und wollen für all das möglichst wenig bezahlen.
Dank Social Media sehe ich auch jeden Tag, wie viel besser alle anderen sind. Wieso sollte ich dann Geld für meine Kunst verlangen? Wir haben Angst davor, im Konkurrenzkampf nicht bestehen zu können. Deshalb verstecken sich die meisten hinter Ausreden wie »Ich bin noch nicht gut genug« oder »Meine Kunst will doch niemand haben«.
Und auch wenn viele Menschen nichts für Kunst bezahlen wollen – es wird ja nicht besser, wenn wir Künstler*innen weiterhin so tun, als wäre unsere Arbeitszeit nichts wert. Also habe ich mal fünf Dinge zusammengetragen, die ich in (Verkaufs-)Gesprächen nicht mehr tue:
1. Dem werbe-Effekt vertrauen
»Ich kann dich leider nicht bezahlen. Aber es ist ja auch Werbung für dich.«
Nein, ist es nicht. Im Gegenteil:
Wenn sich herumspricht, dass ich meine Kunst und Performance kostenlos anbiete, werbe ich genau dafür. Gerade auf Veranstaltungen ohne Eintritt habe ich erlebt, dass die Leute weniger Interesse an der Kunst zeigen. Es ist wie ein Stream, der nebenbei läuft. Ein bisschen Geräusch, aber mehr auch nicht.
Wer nicht bezahlt, kann oft auch nicht liefern – schlechte Technik, mangelnde Absprachen und eine deutlich geringere Reichweite als versprochen. Ausnahmen mache ich nur für Menschen, die ich gut kenne (und mag) oder die mir in anderer Form einen Ausgleich bieten können.
Meine Arbeit ist etwas wert. Punkt. Ein Ausgleich ist deshalb kein Extra, sondern ein Muss. Deshalb nehme ich keine Auftritte mehr an, bei denen ich z.B. für meine Fahrtkosten und Verpflegung selbst aufkommen soll. Selbst an vergleichsweise kleine Kalligraphie-Aufträge hänge ich ein Preisschild. Und wer Tipps möchte, kann gern hier im Blog nachlesen oder in meine Workshops kommen.
2. Zu wenig Geld verlangen
»Lesezeichen, handgemacht! 0,50 € das Stück!«
Es hat etwas gebraucht, bis ich realistische Preise für meine Arbeiten gefunden habe. Anfangs habe ich kalligraphierte Lesezeichen für 50 Cent verkauft. Ich erinnere mich auch noch an eine Landkarte, an der ich mehrere Wochen gesessen habe. Schließlich habe ich mit viel Bitte Bitte noch 120 € dafür rausgeholt.
Ich glaube, dass wir alle unsere eigenen Erfahrungen und Preise machen müssen. Im Zweifel gilt: Mehr, als man denkt.
Kalligraphische Arbeiten biete ich mittlerweile ab 60 €* an (DIN A4) und meine Lebenslandkarten starten bei 800 €* (DIN A4) und liegen nicht selten bei über 2000 €*. Werde ich für einen Auftritt gebucht, orientiere ich mich an Tabellen z.B. von Verdi, wonach eine Gage von mindestens 300 €* pro Auftritt angebracht ist. (Hier eine Übersicht für Kulturschaffende).
Was? Soviel Geld? Ja!
In der Berechnung stecken nicht nur die tatsächliche Arbeitszeit, sondern auch Materialkosten, die Besorgung dieser Materialien, Recherche- und Übungszeit, sowie Gespräche per Telefon oder E-Mail – nicht zu vergessen Steuern und Rücklagen für Urlaubs- und Krankheitstage.
Kunst ist eben auch Arbeit.
*Stand August 2025
3. Mich für meine Preise entschuldigen
»Ich kann das auch günstiger machen.«
Ist der Preis erst einmal genannt, neige ich dazu, mich runter zu handeln. Selbst wenn mein*e Kund*in noch nichts dazu gesagt hat. So wirke ich unglaubwürdig. Denn warum habe ich nicht von Anfang an den günstigen Preis genannt? Und wenn ich von mir aus schon den Preis drücke, lässt sich bestimmt noch mehr rausholen …
Dabei arbeite ich mit Mindestpreisen. Ich vergleiche das mit einem Blumenladen: Ich kann für 5 € eine Blume mit ein bisschen Grün bekommen und das einen Strauß nennen. Wer 10, 20 oder 50 € anlegt, bekommt natürlich ein anderes Ergebnis.
4. Zig Änderungen ohne Preisaufschlag
»Bitte mach das nochmal ganz anders.«
Ein Bekannter fragte mich mal, ob ich für ihn ein Logo designen könnte. Kein Problem. Ich habe mich drangesetzt und einen ersten Entwurf gemacht. Der gefiel dem Bekannten noch nicht ganz. Also habe ich Änderungen vorgenommen. Das Logo ging ein paar Mal hin und her. Schließlich dankte er mir für meine Arbeit – und ich bekam keinen einzigen Cent dafür.
Das habe ich mir zu Herzen genommen. Nicht nur muss ich ganz klar den Preis verhandeln. Ich muss auch kommunizieren, wieviele Änderungen ich für den Preis vornehmen kann. Dass Kund*innen im Verlauf etwas anders haben wollen, ist normal. Aber wenn ich z.B. den Entwurf einer Landkarte 20 mal ändern muss, könnte ich in der Zeit auch eine neue zeichnen.
Wichtig ist, im Vorfeld genau zu besprechen, was sich mein Gegenüber wünscht. Im Verkaufsgespräch mache ich erste Skizzen, damit wir uns auf eine grobe Idee einigen können. Sollte der Aufwand über ein gewisses Maß hinaus gehen, darf ich das freundlich anmerken:
»Ihre Änderungswünsche baue ich gern mit ein. Für die zusätzliche Arbeit würde ich dann Betrag X berechnen.«
5. Jeden Auftrag annehmen
»Ich mache alles und billiger als alle anderen.«
Kennst du diese Menschen, die einen unnötig vollquatschen? Die Interesse heucheln, aber eigentlich nur Energie ziehen? Das sind oft Menschen, die viele Änderungen haben wollen oder die zig lange E-Mails schreiben, aus denen du die wichtigsten Infos mühsam herausarbeiten musst.
Finger weg!
Auch wenn manchmal Flaute herrscht: Nehme ich jeden Auftrag zu jedem Preis an, wirkt das billig. Gleichzeitig gerate ich so an Aufträge, die meine Zeit (und Nerven) auffressen. Am Ende bin ich unzufrieden, habe wenig verdient und vielleicht andere Aufträge verpasst.
Macht es mich emotional immer noch fertig, Aufträge abzusagen? Ja. Hilft es mir langfristig, die richtigen Menschen anzuziehen? Auf jeden Fall.
Was vielleicht abgehoben oder esoterisch klingt, hat einfache psychologische Gründe: Erstens werden meine Arbeiten besser, wenn ich mit Freude statt mit Frust drangehe. Zweitens distanzieren sich Energie-Fresser, wenn ich ihnen klare Grenzen setze – mehr Zeit für coole Projekte. Und drittens: Wenn ich beschäftigt und nicht bedürftig wirke, stärkt das den Wert meiner Arbeit.
Fazit
Wir Künstler*innen dürfen, ja müssen unseren Wert verteidigen. Weil Kunst wertvoll ist. Ich habe mit Lesezeichen für 50 Cent angefangen und verkaufe ab und zu Landkarten für einen vierstelligen Betrag – unter anderem, weil ich mich immer mehr an meine Prinzipien halte.
Kann ich die immer zu 100 % umsetzen? Schön wärs.
Aber mit jeder Begegnung, jedem Verkaufsgespräch wächst mein Selbstbewusstsein. Wenn du selbst mit Kunst Geld verdienen willst, bleib dran. Sei hart in Verhandlungen. Stell dich drauf ein, dass viele Leute nichts bezahlen wollen. Dann findest du irgendwann auch die, die das Geld und die Wertschätzung mitbringen.
