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Die Alles-Scheiße-Brille

Neulich hatte ich eine Patientin, die mit allem unzufrieden war. Sie beschwerte sich über das Essen und das Personal. Sie könne nicht laufen (konnte sie wohl), könne überhaupt nichts selber. Und dann würden ihre Verwandten sie noch ständig am Telefon nerven.

Die Patientin hatte sich, ohne es zu wissen, die Alles-Scheiße-Brille aufgesetzt. Diese Brille trübt die Wahrnehmung, bis einem alles in tristen Graubraun-Tönen erscheint. Man fühlt sich als Opfer der Umstände, gegen die es scheinbar kein Mittel gibt, als den ganzen Tag hoffnungslos zu jammern.

Sicher bist du auch schonmal so jemandem begegnet und wolltest helfen. Ein paar Minuten später warst du ausgelaugt. Du hast dich gefühlt wie nach einem emotionalen Marathon. Diese Person hat jede Hilfe abgelehnt, jedes gute Wort zunichte gemacht. Und du fragst dich:

Wie kann ich diesem Menschen helfen?

Die Antwort: Gar nicht.

Wenn jemand sich die Alles-Scheiße-Brille aufgesetzt hat, kann nur diese Person sie auch wieder abnehmen. Wenn du genau hinsiehst, spielt diese Person ein Spiel. Sie will sich beschweren. Nimmst du ihr ein Argument weg („Sie können doch laufen“), wirft sie dir zwei neue hin („Aber gerade mal bis zum Bad. Und meine Beine sind dick“). So kann ein Mensch seine ganze Umgebung kontrollieren – was z.B. hilft, wenn ich mich in einer für mich hilflosen Situation befinde. Durch das Alles-Scheiße-Spiel bekomme ich wieder die Oberhand.

Je länger du darauf eingehst, desto tiefer verstrickst du dich in einem Netz aus Scheiße-Fäden. Das kann sogar dazu führen, dass du auch die Alles-Scheiße-Brille aufsetzt. Plötzlich fühlst du dich selber hoffnungslos klein. Du wirst mürrisch und beginnst, deinen Frust an die nächste Person weiterzugeben – bis alle das Alles-Scheiße-Spiel spielen.

Okay, aber irgendwas muss ich doch tun können?

Ja, es gibt zwei Dinge, die in so einer Situation helfen.

Zuallererst ist es wichtig, dass du dich um dich selbst kümmerst. Setze Grenzen. Sage zum Beispiel: „Ich habe gehört, dass Sie traurig darüber sind. Und jetzt lassen Sie uns über etwas anderes reden“. Sorge dafür, dass du nicht aus Pflichtbewusstsein mehr Zeit mit dieser Person verbringst als du musst. Das darfst du dir erlauben.

Wenn du dieser Person wirklich etwas Gutes tun willst, dann lass sie in ihrem Glauben. Versuche nicht, ihr diese Brille abzureißen. Aus irgendeinem Grund ist sie für diesen Menschen gerade wichtig. Bleibe bei dem Problem, statt es zu lösen. Frag nach, wie es der Person damit geht. Manchmal hilft es schon, dass sich jemand mal richtig auskotzen kann. Auch hier ist es wichtig, dass du auf deine eigenen Grenzen achtest. Du darfst gern auch mitten im Satz unterbrechen. Oder du machst vorher eine Zeit aus: „Sie können mir jetzt drei Minuten alles erzählen, bevor ich weiter muss.“

Was, wenn ich selbst die Alles-Scheiße-Brille trage?

Jeder Mensch kommt mal in die Situation, dass sich alles braungrau färbt. Das ist okay. Wenn du bemerkst, dass du selbst gerade im Mecker-Modus bist, atme erst einmal durch. Fühle, was gerade in dir vorgeht. Was ist wirklich das Problem? Und hast du eine Möglichkeit, das zu lösen?

Manchmal gibt es auch keine Lösung. Dann trag die Brille mit Würde. Sieh es als das Spiel, das es ist. Gerade möchte dein Gefühl anscheinend in diesem Modus sein. Stress dich nicht, das verändern zu wollen. Wenn so ein Zustand langfristig anhält, solltest du es natürlich psychologisch abklären lassen. In der Regel haben wir alle aber hin und wieder solche Phasen und sie gehen von alleine, wenn wir sie lassen.

Mir persönlich hat Meditation sehr geholfen, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin. Wenn du das mal ausprobieren möchtest, such dir gerne einen ruhigen Platz und hör mal hier rein.

Wie sind deine Erfahrungen mit der Alles-Scheiße-Brille? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

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Beitragsbild von Alexander Grey auf Unsplash

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