Du kannst nicht zu viel arbeiten

Das klingt vielleicht erstmal wie ein schlechter Scherz. Sicher kennst du diese Tage, an denen du nach Hause kommst und völlig erschöpft bist. Unsere Gesellschaft leidet unter der Überbelastung, die sich in Burnout und zahlreichen anderen sogenannten Wohlstands-Krankheiten niederschlägt.

Darüber habe ich schon einmal geschrieben. Doch jetzt wird mir noch klarer, woran es damals gelegen hat, dass ich ins Burnout gerutscht bin:

Ich bin nicht wach gewesen.

Mal unter uns: Wie oft schaltest du am Tag auf Autopilot? Vielleicht sogar jetzt gerade? Vielleicht liest du diesen Artikel, während du etwas isst oder während deine Kinder im Raum spielen.

Im Autopilot bekommen wir nicht so viel mit. Wir schalten unser Bewusstsein einen Gang runter. Und das hat fatale Folgen.

Ich kenne diesen Modus gut. Als Krankenpfleger mache ich immer wieder Dinge, die mir (wenn ich ehrlich bin) nicht gefallen. Ich habe mit Fäkalien zu tun und mit Menschen, die mich aufregen. Ich fühle mich oft hilflos, weil ich zu wenig Zeit habe, weil ich meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht werde oder weil meine Patient:innen nicht einsehen, dass sie für ihre Gesundung mitarbeiten müssen.

Es gibt viele Dinge in meinem Job, die ich gerne anders hätte. Wenn ich aber bemerke, dass ich sie nicht verändern kann, fange ich an, sie zu ignorieren. Ich schalte mein Bewusstsein auf Autopilot. In diesem Modus kann ich all die Dinge tun, die ich normalerweise nicht tun würde: Bettpfannen ausleeren, obwohl ich das eklig finde; zum x-ten Mal zur Schelle einer Patientin laufen, die eigentlich selbst aufstehen könnte; noch einen Schokoriegel in mich hinein stopfen, obwohl ich mich gern hinsetzen würde, um etwas Richtiges zu essen und überhaupt mal durchzuatmen.

Das Problem dabei ist: Meine Gefühle zu diesen Dingen sind ja nicht weg. Und Gefühle sind wichtige Botschafter, die mein Körper schickt, um mir etwas mitzuteilen. Wenn ich sie ignoriere, suchen sie sich andere Wege, werden lauter und heftiger, zeigen sich vielleicht sogar in Symptomen wie starker Müdigkeit, Vergesslichkeit, Kopf- und Bauchschmerzen. Die kann ich natürlich auch versuchen zu ignorieren – solange, bis mich der Autopilot vor die Wand fährt.

Ich wette, jede:r kennt diese warnende innere Stimme: „Wenn ich das so weiter mache, wird das Konsequenzen haben.“ Wir wissen meist ziemlich genau, wo es hinführt, wenn wir uns weiter auf eine bestimmte Art belasten. Dabei gehts nicht darum, dass die Arbeit an sich schlecht oder zu viel ist. Wir dürfen bzw. müssen meiner Meinung nach nur lernen, wach zu arbeiten.

Was meine ich damit?

Wenn ich wach bin, nehme ich mich viel besser wahr. Ich weiß, was in meinem Körper los ist, wann ich etwas trinken oder essen sollte und wann er eine Ruhepause braucht. Je mehr ich das beiseite schiebe, desto eher riskiere ich, Dinge zu tun, die mich krank machen. Ich hebe falsch, weil ich mir nicht die zwei Sekunden Zeit nehme, meinen Körper entsprechend auszurichten. Ich unterdrücke Wut, Trauer oder Angst, weil ich diese Gefühle in dem Moment nicht für angemessen empfinde. Und das kann auch im ersten Moment richtig sein. Aber wenn ich ihnen auch danach keine Aufmerksamkeit schenke, drücke ich sie ins Unterbewusstsein, wo sie wie verstoßene kleine Kinder ihr Unwesen treiben. Dann bin ich vielleicht grantig zu Menschen, die mir gar nichts getan haben. Oder ich verbiete mir auch zuhause, mir etwas Gutes zu tun, einfach weil das mein gewohnter Modus ist.

Wenn ich wach bin, kann ich gar nicht anders, als im Einklang mit mir zu handeln. Manche Dinge würde ich vielleicht an andere abgeben, die damit weniger ein Problem haben. Ich würde mich trauen, mehr von dem zu tun, was mir wirklich Freude macht. Vielleicht würde ich öfter mal was sagen, was meinen Vorgesetzten nicht passt – auf die Gefahr oder Chance hin, dass sich sogar etwas verändert. Ich würde mir öfter Zeit für Pausen nehmen, auch außerhalb der gesetzlichen dreißig Minuten täglich. Kurz gesagt: Ich würde auch auf der Arbeit gelebte Selbstliebe praktizieren. (Nebenbei: Das ist meine Lernaufgabe seit einigen Jahren und ich werde zum Glück immer besser darin)

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft in großen Teilen verlernt hat, wirklich lebendig zu sein. Wir arbeiten, als wären wir Maschinen, getaktet nach einem System, das nicht für unsere Spezies gemacht ist. Gleichzeitig widmen wir den Maschinen mehr Aufmerksamkeit als unserem eigenen Körper.

Stell dir mal vor, wir würden mit Autos genauso umgehen. Es wäre, als würden wir uns mit verbundenen Augen oder zumindest 10 Dioptrien ans Steuer setzen. Vielleicht würden wir irgendwann ans Ziel kommen, aber mit deutlichem Blechschaden. Wir würden das Öl nicht regelmäßig wechseln und tanken auch nur sporadisch und höchstens, wenn die Tank-Anzeige bereits rot blinkt. So ein Auto wäre innerhalb von ein paar Jahren Schrott. Vielleicht finden wir noch jemanden, der ein paar Ersatzteile einbaut. Zur Not würden wir uns ein neues kaufen. Aber diesen Körper haben wir nur einmal.

Ich glaube, dass wir nicht zu viel arbeiten können, wenn wir auf uns selbst hören. Kinder spielen sich ja auch nicht ins Burnout, selbst wenn sie den ganzen Tag aktiv sind. Wenn wir uns erlauben, wach zu sein und uns selbst zu vertrauen, können wir ungeahnte Kräfte entwickeln. Meine Erfahrung ist, dass ich dann sogar mehr arbeiten kann, wenn ich im Kontakt mit mir bin. Aber ich weiß auch genauso, wann Zeit für eine Pause ist, wann ich Durst und wann ich Hunger habe und wann ich nur esse, um irgendetwas nicht zu fühlen.

Mein großer Wunsch ist, dass wir in unserer Gesellschaft einen Weg finden, produktiv UND wach zu sein. Ich glaube, dass sich das gar nicht ausschließt, sondern eher bedingt. Es ist sogar deutlich nachhaltiger, weil Menschen ihre Gesundheit dadurch erhalten, sowie länger und lieber arbeiten können. Ich glaube daran, dass wir deutlich glücklicher und lebendiger leben können, wenn wir lernen, wach zu sein.

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Beitragsbild von Duncan Sanchez auf Unsplash.com

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