Meine Begegnung mit Gott

„Gott will in dein Leben, aber du lässt ihn nicht.“

Das sagte mir vor einigen Jahren ein junger Christ, mit dem ich mich in einem Café getroffen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns nett unterhalten. Doch dann schien es für mich zu einem Verkaufsgespräch für seinen Bibelkreis zu werden. Ich versuchte, ihn freundlich, aber bestimmt abzuweisen. Schließlich war ich ja bereits auf meinem eigenen spirituellen Pfad unterwegs. Und was er mit Gott bezeichnete, war für mich einfach bedingungslose Liebe – nur eben nicht in irgendeinem Himmel, sondern ganz konkret auf dieser Erde, in den Herzen und Köpfen der Menschen.

Ich hatte schon früh mit der Kirche abgeschlossen. Bereits als Kind entschied ich, dass Gott nichts anderes war als eine Geschichte. Ein weiser alter Mann, der zu bestimmten Feiertagen auf die Erde kam und Wunder vollbrachte? Das klang für mich stark nach dem Weihnachtsmann. Nein, ich war mein eigener Gott. Ich sah keinen Sinn darin, auf eine fremde Macht zu vertrauen. Schließlich waren doch alle guten und schlechten Dinge auf dieser Welt menschengemacht. Noch dazu vertraute ich keiner Kirche, die mit Kreuzzügen, Missionierungen und Kindesmissbrauch eine Menge Leid in die Welt gebracht hatte.

Nach dem Gespräch empfand ich Mitleid mit diesem Menschen, dem ich eine beschränkte Weltsicht unterstellte. Ich dachte, irgendwann würde er selbst erkennen, dass die Liebe aus ihm selbst heraus entstand und sein Gottesbild nur eine Projektion war. Doch sein Satz blieb wie ein Stachel in meinem Herzen: Gott will in dein Leben, aber du lässt ihn nicht.

Über die Jahre tauchte dieser Satz immer wieder in mir auf: Wenn ich in einem Konflikt zumachte und nicht mehr wusste, was ich fühlte; wenn ich mich dafür entschied, mich kleiner zu machen, als ich war; wenn ich anderen Menschen vor den Kopf stieß, weil ich Angst hatte, selbst verletzt zu werden – dann spürte ich, wie ich einen Teil von mir abschnitt. Ich vertraute nicht, sondern versuchte, das Leben zu kontrollieren. Dabei wünschte ich mir so sehr, mich mal fallen lassen zu können.

Allmählich dämmerte mir: Ich kann mir nicht zu hundert Prozent vertrauen. Schließlich mache ich Fehler. Manchmal weiß ich selbst nicht genau, was ich will oder wie ich da hinkomme. Natürlich kann ich andere Autoritäten und Expert:innen zu Rate ziehen. Aber solange es Menschen sind, werden auch sie Fehler machen. Eine Zeit lang habe ich Menschen vertraut, die von sich behaupteten, alle ihre Schatten transzendiert zu haben. Aber auch das war eine Illusion. Mir blieb also nur, auf mich selbst zu vertrauen. Das war unbefriedigend und fühlte sich oft sehr einsam an.

Klar, ich war und bin Schöpfer meines Lebens. Das ist cool. Aber es führt auch zu der Frage: Bin ich für alles verantwortlich, was in meinem Leben geschieht? Und was ist mit den Momenten, wenn ich mich mal klein fühle und nicht weiter weiß? Liegt es einfach nur daran, dass ich meinen eigenen Opfer-Anteilen zu viel Raum gebe und nicht genug auf meine Schöpferkraft vertraue? Muss ich vielleicht noch mehr meditieren, noch mehr Schattenarbeit machen, um endlich in mein volles Potenzial zu kommen?

Es konnte doch nicht alles an mir hängen! An der Stelle war es sehr verführerisch, aufs Leben zu schimpfen, Gott oder irgendeine fremde Macht für all die Katastrophen und das Leid verantwortlich zu machen. Aber auch das war für mich nur eine Projektion. Natürlich hing alles an mir und an all den anderen Menschen, die sich täglich für die Liebe oder dagegen entschieden. Gut und Böse kämpften in mir um die Vorherrschaft. Nein, eigentlich war ich es, der kämpfte. Jeden Tag fragte ich mich, ob ich ein guter Mensch gewesen war. Meist kam ich zu dem Schluss, dass noch irgendetwas gefehlt hatte. Ich war den Menschen irgendetwas schuldig geblieben.

Diese Schuld erkannte ich irgendwann als Erbe der christlichen Tradition in unserem Land. Gehen wir nicht alle durchs Leben und haben den Eindruck, ständig Sünde zu begehen, auch wenn wir es nicht so nennen? Wir verbieten uns Freude und Trauer, Lust und Leidenschaft, weil es sich irgendwie nicht gehört, so lebendig zu sein. Die Kirche hat unsere Gesellschaft seit dem Mittelalter auf Frömmigkeit gepolt. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass ein wahrhaft liebevoller Gott gewollt hätte, dass wir uns selbst dermaßen begrenzen.

Der Film Die Hütte – ein Wochenende mit Gott hat mich schließlich mit Gott versöhnt. Mir wurde klar, wie sehr das mittelalterliche Gottesbild meine Sicht auf die Welt geprägt hatte: Ein männliche Entität, die von einem Thron aus über die Menschen richtet und eine klare Linie zwischen Gut und Böse zieht. So gesehen war es gerade meine eigene Projektion gewesen, mit der ich gehadert hatte. Ich war (und bin) ja selbst ein Perfektionist, der es am liebsten richtig machen will. In dem Film habe ich zum ersten Mal tief verstanden, dass Gott/die Liebe/das Leben wirklich bedingungslos liebt und alle Türen für uns offen hält. Wenn Leid geschieht, liegt es an den Menschen, die sich nicht für die Liebe entscheiden.

Dieser Film hatte etwas in mir aufgeknackt und Hoffnung geweckt. Ich war auf der Suche nach Gott (oder dem Leben), war es eigentlich immer schon gewesen. Jetzt hatte ich ein Gefühl dafür bekommen, wie groß diese göttliche Liebe sein konnte. Dennoch war es nur ein Film. Wo war Gott in meinem Alltag?

In meiner Ausbildung bei Veit Lindau ging es auch immer wieder um diese höhere Macht, um das Leben, die Liebe, Gott oder wie man es bezeichnen möchte. Mein Verstand begann immer mehr, das Konzept von Gott intellektuell zu begreifen. Gleichzeitig machte ich in Meditationen ab und zu die Erfahrung, dass ein Raum in mir aufging, der größer war als meine Gedanken und Gefühle: Sat-Chit-Ananda, pures Glück, bedingungslose Liebe. Aber ich zweifelte immer noch daran, dass es irgendetwas außerhalb von mir sein sollte. Schließlich konnten diese tiefen meditativen Zustände auch nur Projektionen meines Geistes sein. Ehrlich gesagt werde ich dieses Rätsel nie wirklich knacken können. Aber ich kann über meine Erfahrungen berichten.

2019 begab ich mich dann auf eine abenteuerliche Reise durch Osteuropa. Ich fuhr mit einem guten Freund und seiner Partnerin. Die beiden haben für Spiritualität nicht so viel übrig, interessierten sich aber für Politik. Ich war froh, mal aus meinen vier Wänden rauszukommen und Neues zu entdecken. So fuhren wir mit dem Interrail über Budapest quer durch Rumänien und über die Slowakei wieder zurück nach Deutschland.

Als wir abends in Budapest ankamen und unsere Rucksäcke im Hostel abgelegt hatten, bummelten wir ein wenig durch die Stadt. Dabei fiel mir von weitem ein Gebäude auf, das hinter den Häusern an einer Hauptstraße auftauchte. Etwas zog mich dorthin und weil wir eh keinen anderen Plan hatten, schauten wir es uns an. Als wir näher kamen, erkannte ich eine Art Terrasse, von der Figuren auf die Straße herab blickten. Sie wirkten so lebendig und beseelt, als würden sie uns begrüßen und segnen wollen.

Die St.-Stephans-Basilika (ungarisch: Szent István-bazilika)

Es war die Rückseite der St. Stephans-Basilika. Die Kirche war zu dem Zeitpunkt bereits geschlossen, aber ich wusste, dass ich sie am nächsten Tag besuchen wollte. Wie gesagt: Ich hielt nicht viel von Religion und Kirche. Aber ich sah mir gern interessante Gebäude an. Und die Schönheit dieser Basilika zog mich magisch an.

Am nächsten Tag stellten wir uns in die Schlange zu den anderen Touristen, die mit Kameras bewaffnet die Basilika stürmten. Jesus begrüßte uns von einem Mosaik über dem Eingang auf Latein mit den Worten: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Brav bezahlte ich den Eintritt und dachte an Ablasshandel und dass die Kirche eine der reichsten Institutionen der Welt war. Aber schön fand ich die Basilika trotzdem.

Die Architektur war mir fremd. Das ganze Blattgold und die Figuren, sowie die vielen Nischen und Kuppeln ließen den Raum eher düster wirken. Es gab keine riesigen Buntglasfenster, die ich aus Deutschland gewohnt war. Überall knipsten die Touristen fleißig. Doch ich ließ mein Handy in der Hosentasche. Etwas anderes hatte meine Aufmerksamkeit gepackt. Etwas, das ich nicht fotografieren konnte.

Als ich den Hauptraum betrat, überkam mich eine Welle, wie ich sie noch nie gefühlt hatte. Es war, als blickte ich hinter all das Gold und die Verzierungen. Ja, sie erschienen mir plötzlich banal, wie der verzweifelte Versuch, das auszudrücken, was sich wirklich an diesem Ort befand. Ich fühlte mich geliebt, unendlich geliebt und getragen von einer Macht, die alles Menschliche überstieg. Und ich erkannte, dass nichts auf dieser Welt diese Macht beschreiben, geschweige denn darstellen konnte.

Mir wurde klar, wie schwierig es für Mystiker:innen und Religionsstifter auf der ganzen Welt gewesen sein muss, das ihren Mitmenschen zu erklären. Man konnte Metaphern finden, Geschichten erzählen, Kunst erschaffen oder auch ganze Gebäude bauen – das alles konnte aber nur ein Fingerzeig sein. Mit der Zeit haben die Menschen aber nur noch den Finger gesehen, nicht das, worauf er deutete.

Ich stand in dieser Basilika und mir kamen die Tränen. Damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Ich setzte mich auf einen Plastikstuhl mitten zwischen die anderen Touristen und sog die Erfahrung in mich auf. Es war, als hätte ich einen uralten Vorhang zur Seite gezogen und wäre einem Freund begegnet, der die ganze Zeit geduldig auf mich gewartet hatte.

„Danke, dass du mich in dein Leben gelassen hast.“
Selfie nach meiner Begegnung, im Hintergrund die Basilika

Ich musste irgendetwas tun, irgendein Zeichen setzen. Also zündete ich ein Licht an. Ich wusste, dass auch das nur ein äußerer Schein war, aber mein kleines menschliches Ego brauchte dieses Ritual. Es war mein erstes bewusstes Opfer. Ich opferte einen Teil meines Egos, diesen eisernen Vorhang, den ich lange Zeit zwischen mir und das Leben gestellt hatte. Ich opferte meine Arroganz, alles kontrollieren, alles wissen und alle Probleme selbst lösen zu müssen. Ich opferte meinen Kampf, mein Hadern mit meiner eigenen Unperfektheit. Und ich empfing die Freiheit, mich von einer höheren Macht berühren und leiten zu lassen.

Seit diesem Moment gehe ich ein Stück gelassener durchs Leben. Ich erlebe immer wieder, dass das Leben es gut mit mir meint und dass Wunder möglich sind, wenn ich vertraue.

Ich bin sicher noch ein gutes Stück von der Erleuchtung entfernt (wenn ich da überhaupt jemals hinkommen sollte). Ich bin und bleibe Mensch und werde Fehler machen, werde mich sicher auch in bestimmten Situation noch einmal gegen die Liebe entscheiden, mich in Kleinheit und Arroganz flüchten. Aber seit dieser Begegnung mit Gott/der Liebe/dem Leben lerne ich immer mehr, mich hinzugeben. Ich muss nicht mehr alles selber wissen. Ich darf vertrauen.

Und das ist das größte Geschenk.

3 Gedanken zu „Meine Begegnung mit Gott“

  1. Gut geschrieben, ich kann alles gut nachspüren und Dein Erlebnis berührt mich. Ich teile Deine Vorbehalte zur Kirche, ein abendfüllendes Thema…

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