Hast du schonmal vor Wut gekotzt?

Normalerweise halte ich mich mit meinen Gefühlsregungen zurück. Ich mag es ruhig – kontrolliert. Irgendwer muss sich ja zusammenreißen, wenn alle anderen den Kopf verlieren. Was könnte nicht alles passieren, wenn wir uns von unseren Gefühlen wegspülen lassen?
Letzte Woche habe ich mich einfach mal treiben lassen. Ich war auf einem wahrlich wunder-baren Festival, wo viele Dinge passiert sind, die mein Verstand einfach nur bestaunen kann. Unter anderem habe ich mir erlaubt, mal so richtig wütend zu sein.
Ich dachte, ich kenne meine Wut. Ich habe schon ein paar begleitete Prozesse gehabt, in denen ich diesen Vulkan in mir zum Ausbruch bringen durfte. Mittlerweile kann ich es ganz gut annehmen, dieses Brodeln, das in mir aufsteigt und sich dann entlädt. Nur erlaube ich es mir viel zu selten, oft nicht einmal in kleinen Dosen.
Als ich letzte Woche auf besagtem Festival in einem Workshop saß, kam meine Wut erst nur kurz vorbei. Ich spürte, wie gut ich darin geworden war, sie zu deckeln. Ein kurzer (vermeintlich) liebe- und lichtvoller Gedanke, schon löste sich die Wut in fluffig-weichem Wohlwollen auf. Ist doch alles in Ordnung. Kein Grund, sich aufzuregen… Aber in meinem Bauch rumorte es weiter. Das Biest wurde unruhig in seinem Schlaf.
Am nächsten Tag ging ich wieder zu dem Workshop. Ich wollte es wissen, wollte das Biest wecken, das viel zu lange in mir geschlummert hatte. Ich spürte, wie es darunter litt, von mir angekettet worden zu sein. Ich selbst litt darunter, auch wenn ich mir einredete, dass irgendwer in dieser Sch***-Pandemie doch einen kühlen Kopf behalten musste.
Dann brüllte das Biest los. Ich schloss die Augen und ließ es kommen, diese ganze sch*** Wut, den Frust, den Liebeskummer, vergangene Traumata und was sich noch alles angesammelt hatte. Ich wusste, dass der Raum sicher war, dass da Menschen waren, die meine Wut (aus)halten konnten. Also ließ ich das Biest von der Leine, ließ alles raus, brüllte, heulte, spuckte – der ganze Dreck durfte sich zeigen, bekam Raum und landete schließlich in Tüchern und einer Schüssel, die Menschen mir reichten. Ich konnte sie nicht sehen, aber deutlich spüren.
So lebendig habe ich mich lange nicht gefühlt. Mehrere Gefühlswellen schüttelten mich durch. Gleichzeitig war ich Schöpfer meines Prozesses, selbst als die erwartete Hilflosigkeit kam. Irgendwann fühlte ich mich klein wie ein Neugeborenes, das unendlich frustriert über die plötzliche Trennung war. Darüber schwebte mein liebevolles Selbst-Bewusstsein, meine Verbindung zum Leben selbst, das eine schützende Hand über diesen Heilungsprozess hielt. Die Menschen um mich herum waren sehr hilfreich mit ihren Berührungen, ihren Worten, ihrem Raumgeben. Doch ohne dieses Bewusstsein hätte ich mich vermutlich nicht so tief hinein getraut. Die regelmäßige Meditationspraxis hat sich an der Stelle ausgezahlt.
Am Ende war ich unendlich dankbar. Ich dankte dem Leben und meinen Begleiter:innen. Liebe und Lebendigkeit durchfluteten mich. Ich spürte, wie die Kraft des Lebens zu mir zurückfloss. Ich hatte mein altes Gefühlsklavier entstaubt und freute mich über die zarten Töne, die erklangen.
Einer der Sätze, die mir in dem Prozess kamen, war „Nie wieder!“. Nie wieder werde ich mich so von meiner Lebendigkeit abschneiden. Ich weiß, dass das Leben in Wellen verläuft. Aber ich bin mir auch sicher, dass ich in der letzten Woche einen wichtigen Anker gesetzt habe für alles, was zukünftig kommen wird. Und das habe ich dann auch gebührend gefeiert. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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