Die Mauer (im Kopf)

Stell dir vor, du fährst mit 180 km/h auf der Autobahn. Dein:e Beifahrer:in schaut aufs Navi und sagt, dass die Straße in einigen Kilometern an einer massiven Felswand entdet. Du entgegnest, dass das ja wohl sehr unwahrscheinlich sei. Im Radio wird jedoch ebenfalls von dieser Wand berichtet. Du schaltest es ab, sagst vielleicht etwas wie „Kann ja vielleicht sein, aber ich glaube erst dran, wenn ich sie sehe.“ Außerdem liegt das Radio auch oft daneben. Das sieht man ja schon beim Wetterbericht.
Einige Minuten vergehen und du freust dich, dass dein Auto so schnell fahren kann. Am Straßenrand stehen ein paar Aktivist:innen mit Schildern, die vor der Steinwand warnen. Du findest, dass sie übertreiben. Schließlich gabs bis jetzt noch kaum Berichte von Autos, die gegen eine solche Wand gefahren sind. Dein:e Beifahrer:in gibt zu Bedenken, dass die Autobahn ja auch noch sehr neu ist und noch niemand so weit und so schnell auf ihr gefahren ist.
Am Horizont taucht ein massiver Felsen auf. Er scheint dir aber noch weit weg. Überhaupt ist es noch gar nicht sicher, dass die Autobahn darauf zuführt. Wahrscheinlich gibt es einen Tunnel. Oder die Straße führt drumherum. Du hast auf jeden Fall genug Zeit, um rechtzeitig auf die Bremse zu treten. Im Rückspiegel siehst du weitere Autos, die dir folgen. Du bist also auf dem richtigen Weg. Auch wenn dein Auto zu ruckeln beginnt, weil der Straßenbelag hier langsam uneben wird, hältst du an deinem Tempo fest. Die anderen machen es ja auch so. Und immerhin hast du viel Geld für dieses tolle Auto bezahlt und hältst dich für eine:n gute:n Fahrer:in. Das wird schon.
Je näher du der Felswand kommst, desto mehr beschleicht dich das komische Gefühl, dass du langsam vielleicht doch vom Gas gehen solltest. Es könnte wirklich sein, dass sie auf der Autobahn steht. Aber du bist dir unsicher, ob es nicht doch einen Tunnel gibt. Am Straßenrand stehen Menschen, die dir verzweifelt zurufen, dass es höchste Zeit ist. Der Boden ist mittlerweile recht uneben und durch das Fahrgeräusch kannst du sie nicht hören. Dein:e Beifahrer:in fängt an zu beten. Du bemerkst es und brummst etwas von wegen, es sei doch die letzten paar hundert Kilometer gut gegangen. Warum sollte sich das ändern? Innerlich zweifelst du langsam deinen ursprünglichen Plan an, willst dir aber nicht die Blöße geben, dass du dich geirrt haben könntest. Den Fahrer:innen hinter und neben dir geht es übrigens genauso. Du weißt es nur nicht.
Dein Wagen schlägt immer mehr nach rechts und links aus. Die Felswand ist mittlerweile schon beunruhigend nah. An Bremsen ist nicht mehr zu denken, weil die anderen Autos hinter dir drängeln. Es würde zu einem riesigen Chaos kommen. Das macht dir komischerweise mehr Angst als diese massive Wand aus Stein. Ausweichen wird auch nicht gehen, denn die Leitplanken sind im Gegensatz zur Fahrbahn richtig gut ausgebaut. Dein:e Beifahrer:in krallt sich in den Sitz. Von hinten rufen die Kinder: „Wann sind wir da?“
Du spürst, dass ihre Zukunft in deinen Händen liegt. Du kannst versuchen, das Lenkrad jetzt noch herumzureißen. Es könnte weh tun. Aber es ist eure letzte Chance.

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