Die Magie eines Augenblicks

Meine erste Gitarre hat mir mein Vater geschenkt. Er hatte sie irgendwann einmal für fünf Mark auf dem Flohmarkt erworben – eigentlich für sich, aber er hat sie nie gespielt. Sie hat ein paar Macken, aber für meine Zwecke reicht sie vollkommen. Deshalb habe ich sie seit mittlerweile sechzehn Jahren. In der Zeit ist sie viel rumgekommen.

Einmal saßen meine Gitarre und ich im ICE Richtung Frankfurt. Ich hatte damals noch keine Tasche für sie, sondern trug sie einfach so mit mir herum. Ich dachte, mit einer Fünf-Mark-Gitarre könnte ich es ja machen. Etwa eineinhalb Stunden vor Frankfurt wurde jemand hinter mir auf die Gitarre aufmerksam. Es war ein Mann jenseits der Fünfzig, mit Drei-Tage-Bart und Bauch. Er ließ ein paar generelle Bemerkungen über Gitarren fallen und entpuppte sich bald als Musiker in einer Beatles-Cover-Band. Mir fiel auf, dass er eine ganz spezielle Vorstellung davon hatte, was Gitarren können müssten. Vor allem sollten sie bundrein sein. Ob meine Gitarre denn bundrein wäre?

Mit diesem Begriff konnte ich zuerst nichts anfangen. Als wir es schließlich geklärt hatten, musste ich zugeben, dass meine Gitarre nicht bundrein war. Fand ich auch nicht schlimm. Schließlich hatte die Gitarre auch nur fünf Mark gekostet. Dafür klang sie richtig gut und erfüllte ihren Zweck am Lagerfeuer und anderswo. Ich wollte damit ja nicht auf einer Bühne auftreten. Trotzdem blieb ein bitterer Nachgeschmack. Sollte ich mir vielleicht doch eine neue, bessere Gitarre kaufen? Eine, die bundrein war?

Ich musste mich auf meinem Sitz unbequem verdrehen, um mit dem Musiker hinter mir zu sprechen. Er blieb nicht lange bei dem Thema Gitarren, sondern eröffnete mir relativ bald, dass er die AfD wählte. Na toll, dachte ich mir. Wie komme ich nur aus der Situation wieder heraus? Er argumentierte, dass das ja in Ordnung sei. Schließlich hätte er einen Ausländer als Nachbarn, der auch die AfD wählen würde.

Ich wusste, dass ich jetzt nicht einfach sagen konnte, was für eine blödsinnige Argumentation das war. Das würde ihn nur noch mehr anstacheln. Außerdem hatte ich endlich mal die Möglichkeit, die Gedanken eines AfD-Wählers verstehen zu lernen. Ich war aufrichtig daran interessiert zu erfahren, was einen Menschen dazu bewog, ein so rückständiges und menschenverachtendes Weltbild zu unterstützen. Also hörte ich seinem Monolog zu, in dem er sich über die Regierung und überhaupt über „die da oben“ aufregte und nacheinander mehreren Gruppen die Schuld dafür gab, dass die Welt so schlecht sei.

Jeder Mensch strebt danach, sein Leid zu vermindern und sein Glück zu erhöhen. So dachte ich zumindest. Also suchte ich nach dem, was dieser Musiker sich wünschte. Was war sein Ziel? Was wollte er erreichen, für sich und die Welt? Ich wollte hinter den Hass schauen, hinter die Phrasen von „Merkel muss weg“ und allen anderen, die eigentlich immer nur gegen etwas sind. Ich dachte mir: Wenn jemand so vehement eine Meinung vertritt, dass er wildfremden Menschen in der Bahn davon erzählt und sogar versucht, es ihnen schmackhaft zu machen, dann muss da doch auch ein starker Wunsch hinter stecken, wohin sich die Welt entwickeln soll.

Ich hatte damals schon mit einer Menge Menschen über ihre Gefühle und Bedürfnisse gesprochen. Ich bildete mir ein, dass ich gut darin wäre, Menschen beim Ausdruck dessen zu helfen, was in ihnen steckte. Doch dieser Mann hatte anscheinend keine positive Vision für die Welt. Egal, was ich fragte oder ansprach: Er kam immer wieder darauf zu sprechen, was nicht funktionierte und wer die Schuld dafür trug. Ich versuchte es etwas kleiner und fragte nach der Vision für das Leben dieses Mannes. Zumindest da musste er doch eine Vorstellung haben, wie er leben wollte. Ich bekam zur Antwort, dass er mit dem bisschen Rente, was er zu erwarten hätte, sowieso nicht viel reißen konnte.

An der Stelle wollte ich wissen, ob dieser Mann sich völlig als Opfer fühlte oder ob er wusste, was für einen Einfluss er hatte. Ich fragte ihn, ob er wisse, wie das Rentensystem funktioniere. Wir einigten uns darauf, dass aktuell die Jungen für die Alten aufkommen und dass das Problem darin lag, dass es zu wenig Kinder gab. Die Lösung könnte also darin bestehen, dass wir mehr Kinder in diese Welt setzten. Ich fragte ihn, ob er Kinder hätte. Das verneinte er. Und er wollte auch nichts davon wissen, dass seine niedrige Rente und seine Kinderlosigkeit eventuell miteinander zusammenhängen könnten.

Ich gebe zu, dass es da auch andere Ideen zur Verbesserung des Rentensystems gibt, als jemandem Kinder aufzuschwatzen, der sie vielleicht gar nicht haben will. Aber an der Stelle war ich einfach nur frustriert von diesem Menschen. Wie konnte man nur so viele Probleme aufmachen, aber sich nicht im Geringsten darum kümmern, auch nur ein kleines davon zu lösen? Es war wie ein Kampf mit der Hydra. Sobald ein Problem-Kopf abgeschlagen wurde, wuchsen direkt zwei neue nach. In der Regel bin ich gut darin, Lösungen zu finden. Aber ich erkannte bald, dass dieser Mann keine Lösungen wollte. Er wollte sich aufregen. Er wollte ein Opfer der Regierung, des Lebens oder sonstwas sein.

Jetzt, wo ich ihm einmal meine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, fing er immer wieder an, mit mir zu reden und seine Probleme über mich auszuschütten. Ich versuchte, ihn zu ignorieren. Aber ich sah keine Möglichkeit, mich ihm (höflich) zu entziehen. Ungewollt rutschte ich selbst in eine Opfer-Rolle und wünschte mir nur, dass die Fahrt vorbei wäre. Schließlich dachte ich, wir könnten immerhin über Musik sprechen. War das nicht unser gemeinsamer Nenner? Ich sprach ihn auf seine Band an. Meine Fragen beantwortete er jedoch knapp und ohne viel Enthusiasmus, nur um sich danach wieder über „die anderen“ aufzuregen. Schließlich kündigte eine Durchsage die Ankunft in Frankfurt an. Ich verabschiedete mich, nahm meine Gitarre und trat hinaus.

Eineinhalb Stunden hatte ich diskutiert, gekämpft und war völlig ausgelaugt. Mein Kopf schien mit Watte ausgefüllt zu sein. Ich musste erst einmal durchatmen und mich sammeln. In mir kochte Wut über die Ignoranz dieses Mannes. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, versagt zu haben. War ich selbst zu arrogant gewesen? Hätte ich ihn von Anfang an ignorieren sollen? Oder hätte es noch irgendeine Möglichkeit, irgendeine Frage gegeben, mit der wir diese Diskussion in eine angenehme Richtung hätten lenken können?

Da kam mir eine Frau entgegen. Sie war in Schwarz- und Grautönen gekleidet und hatte einen hochgeschlossenen Kragen, was ihr eine gewisse Würde verlieh. Dabei wirkte sie nicht abweisend, im Gegenteil. Sie lächelte mich an und sagte: „Gott schütze Sie und Ihre Gitarre.“ Ich blickte aus meinem Gedankenkarussel auf und spürte ihren warmen und ruhigen Blick. Diese Frau hatte mich gesehen, wirklich gesehen. Damals hatte ich noch kein Konzept von Gott, aber diese sechs Worte kamen mit so einer Wucht, dass ich mich rückblickend an die Textzeile aus Marc Cohns „Walking in Memphis“ erinnert fühle:

She said
„Tell me are you a Christian child?“
And I said
„Ma’am I am tonight“

Mir blieb gerade noch Zeit mich zu bedanken. Dann war die Frau an mir vorbei gelaufen. Die sechs Worte hallten in mir nach. Nicht nur in meinem Kopf, sondern in meinem ganzen Körper. Ich spürte mich, spürte die Gitarre in meiner Hand, meine geliebte Gitarre, mit der ich schon so viele Stunden verbracht hatte. Ich dachte nicht mehr daran, ob sie bundrein wäre oder nicht. Sie war gut, so wie sie war.

Und auch ich spürte, dass ich nicht versagt hatte, weil ich den Musiker nicht von seiner Meinung hatte abbringen können. Er war so, wie er war. Ich war so, wie ich war. Beides war gut auf einer höheren Ebene. Ich glaube, in diesem Moment verstand ich ein wenig mehr das Konzept der bedingungslosen Liebe – und letztlich das Konzept von Gott. Nicht das, was die Religionen daraus gemacht haben: Ein herrschsüchtiger männlicher Tyrann, der Menschen verbietet, sich frei zu entfalten und Freude auszudrücken. Sondern die Liebe, die alles durchdringt und gerade in den einfachen Situationen des Alltags ihre Kraft entfaltet.

Auch jetzt noch, wo ich diese Geschichte aufschreibe, fühle ich eine tiefe Dankbarkeit für diese Frau. Vielleicht war es eine Ordensschwester auf einer Pilgerreise. Vielleicht war es ein Engel und niemand sonst hat sie gesehen. Vielleicht auch ein bisschen von beidem. Jedenfalls weiß ich seitdem, dass Zeit keine Rolle spielt. Eineinhalb ätzende Stunden können innerhalb eines Augenblicks verfliegen, wenn jemand bereit ist, dich wirklich zu sehen.

Welchem Menschen kannst du heute zwei Sekunden deiner Aufmerksamkeit widmen und vielleicht dadurch sein Leben verändern?

Photo by Amol Tyagi on Unsplash

Ein Gedanke zu „Die Magie eines Augenblicks“

  1. Eine faszinierende Geschichte aus einer alltäglichen Bahnfahrt und einem nervigen Gesoräch, in dem man gut sein möchte, entsteht das Besondere und die Magie eines Lebenswinkels.

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