Die grüne Verschwörung

Womöglich fühlt sich jemand durch diesen Artikel auf den Schlips getreten. Wenn du merkst, dass du Schnappatmung bekommst, weil dir die ein oder andere Perspektive nicht passt, lade ich dich ein, erst einmal durchzuatmen. Merke dir, was dich aufgeregt hat und lies den Teil später erneut. Vielleicht verstehst du dann besser, was ich meine. Ich weiß, dass das der gängigen Kultur widerspricht. Aber genau darum geht es in diesem Artikel.

Gerade das Thema Corona lässt die Gesellschaft spalten: In Covidioten und Schlafschafe, in Impfbefürworter und Impfgegner. Manche reden gar von Verschwörungen einer geheimen Weltregierung, die das Virus in Umlauf gebracht haben soll.

Was mir bei den gängigen Verschwörungstheorien fehlt, ist ein stimmiges Motiv. Einige sagen, die Weltbevölkerung soll dezimiert werden. Das hat schon bei den Chemtrails nicht funktioniert. Wieder andere sagen, Bill Gates möchte uns Mikrochips implantieren, mit denen er uns lenken kann. Wer die Netflix-Doku The Social Dilemma gesehen hat, weiß, dass unsere Smartphones das bereits perfekt beherrschen. Also auch das ist nicht wirklich ein Grund, ein Virus auf die Menschheit loszulassen, das sowohl (in vielen Fällen) tödlich als auch kaum kontrollierbar ist.

Tatsächlich glaube ich auch nicht daran, dass Menschen grundsätzlich immer niedere Motive verfolgen, andere ausbeuten, quälen oder kontrollieren müssen. Ich glaube, dass der Mensch von Grund auf gut ist. Das klingt vielleicht erstmal verrückt, wenn man sich die Gewalt und gerade die aktuellen Grabenkämpfe ansieht, die weltweit passieren. Aber es ist nur logisch. Menschen suchen immer nach Sicherheit, Liebe und Ekstase. Dabei gehts vor allem darum, dass wir uns sicher, geliebt und mit ausreichend neuen Reizen stimuliert fühlen (!). Wir suchen ständig nach Wegen, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Dagegen ist erstmal kaum etwas einzuwenden. Nur haben die Wenigsten dabei eine bewusste und nachhaltige Strategie.

Wenn wir uns unsicher fühlen, ziehen wir uns oft auf unsere eigene kleine Realitätsinsel zurück. Wir grenzen uns von der Meinung anderer ab und sprechen nur noch mit denen, die unsere Ansicht teilen. Das gibt uns das Gefühl von: Alles ist in Ordnung. Wenn wir uns nicht geliebt fühlen, suchen wir vielleicht Nähe, vielleicht oberflächlichen Sex oder wir essen etwas, um wenigstens ein warmes Gefühl im Bauch zu haben. Reize holen wir uns durch Serien, Facebook und Co. All diese Bedürfnisse könnten wir auch bei einem Waldspaziergang befriedigen, wenn wir doch nur Zeit dafür fänden – und da kommt die grüne Verschwörung ins Spiel.

Stell dir mal vor (nur für diesen Moment), dass jemand mit liebevollen Augen auf unsere Gesellschaft schaut, so wie eine gütige Mutter oder ein gütiger Vater: All die Menschen, die sich verrannt haben in oberflächliche Ablenkungen, in übermäßigem Zuckerkonsum, Social Media, unnötigen Streitigkeiten, verhassten Jobs, etc… Und dann erkennst du, dass sich eigentlich alle in einem riesigen Hamsterrad bewegen, das eine Maschinerie antreibt, die täglich für noch mehr Konsum sorgt. Menschen kaufen, ohne nachzudenken, ob sie das wirklich brauchen. Im Hintergrund werden Regenwälder abgeholzt, Meere vergiftet und Tonnen von Abgasen in die Luft gepumpt, um den Nachschub von immer neuen Waren zu gewährleisten.

Nun stell dir vor, der Beobachter würde sich hinstellen und die Menschen darauf aufmerksam machen, was sie da tun. Er oder sie würde die Menschen warnen, dass sie mit diesem Verhalten ihren eigenen Lebensraum zerstören. Ja, vielleicht würde die Menschheit sogar irgendwann aussterben, weil es zu heiß, zu trocken oder zu stürmisch wird. All das nur, weil wir uns in dieses Hamsterrad verirrt hätten. Die Lösung klingt einfach: Man müsste nur aussteigen.

Du ahnst es: Solche Warnungen gab es bereits. Und was ist passiert? Nüscht. Klar, wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Frag nur mal Raucher, was die davon halten würden, wenn man ihnen sagt, dass Zigaretten gesundheitsschädlich sind. Die meisten wissen das. Aber sie qualmen weiter, weil das ja gar nicht so einfach ist, aufzuhören. Und Raucher sind ja nur eine relativ kleine Gruppe, verglichen mit den Konsum-Süchtigen. Da gehören wir alle mehr oder weniger zu.

Wie kann man also ein Paradigma brechen, das so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist? Man muss die Menschen wachrütteln und notfalls das Hamsterrad anhalten.

Vielleicht denkst du dir jetzt: Ja, aber der Konsum geht doch weiter, trotz Lockdown. Die Leute bestellen jetzt eben alles online. Das stimmt. Aber wenn wir von einer groß angelegten Verschwörung ausgehen, ist das vielleicht nur die erste Phase.

Jahrzehntelang haben Menschen in einer Blase gelebt. Wir haben uns gedacht, dass bestimmte Dinge gar nicht machbar sind. Ich habe mit Menschen gesprochen, die darum gekämpft haben, zumindest einen Tag in der Woche im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Jetzt arbeiten sie Vollzeit von zuhause aus. Wer hätte damit gerechnet, dass eines Tages Delfine in der Lagune von Venedig schwimmen würden? Und so langsam scheint auch die Politik zu begreifen, dass es grundlegende Veränderungen in vielen Bereichen geben muss (z.B. im Gesundheits-Sektor).

Die Corona-Krise hat einen fetten Riss in unserer bisherigen Vorstellung dessen hinterlassen, was möglich ist und was nicht. Natürlich tut das weh. Aber dieser Schmerz war lange überfällig. Viele Menschen haben die Chance genutzt, gehen jetzt öfter spazieren, verbringen mehr Zeit mit der Familie oder haben sich ein kreatives Hobby zugelegt. Wir sind in eine Sinnkrise gestoßen worden, die uns einlädt, ganz offen darüber nachzudenken, was wir bisher mit unserem Leben gemacht haben und was wir zukünftig machen wollen.

Wir sind herausgefordert worden, unsere Komfortzone zu verlassen. Manchen hat das gut getan, andere tun sich noch schwer. Aber ich denke, dass das nur das Aufwärmtraining ist, sozusagen ein kleiner Vorgeschmack. Schließlich haben wir den Klimawandel vor der Tür. Nein, eigentlich steht er schon im Flur und ist dabei, seine Jacke abzulegen und es sich gemütlich zu machen. Wissenschaftler*innen weltweit mahnen dazu, dass nur sehr drastische Maßnahmen helfen können, die Folgen abzumildern.

Haben da alle Bock drauf? Mit Sicherheit nicht. Aber ich habe die Hoffnung, dass in dieser Krise genug Menschen ihren Sinn gefunden haben und dass dieser Sinn auch die Welt mit einschließt, in der wir leben. Wenn wir langfristig und nachhaltig sicher sein wollen, brauchen wir einen radikalen Lebenswandel. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass das möglich ist. Vielleicht müssen wir uns erst noch daran gewöhnen. Einige werden sich sicher an ihr Hamsterrad klammern und es mit ihrem Leben verteidigen wollen. Und dann gibt es die, die den Wandel vorantreiben, die ihn begrüßen und mitgestalten.

Und am Ende danken wir vielleicht diesem Virus, weil es uns an das erinnert hat, was wirklich zählt.

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