Der Fluss und das Meer

Wie hatte er sich auf diesen Moment gefreut! Es war seine Bestimmung. Sein ganzes Leben hatte er darüber nachgedacht, wie es sein würde. Der Fluss gluckste vor Aufregung. Das Meer war nah.

Hoch oben schien die Sonne, wärmte seine Wasser und ließ sie glitzern wie Diamanten. Ja, er war schön. Er wusste es. Das Meer würde ihn lieben, würde ihn empfangen, so wie sie es beide schon vor langer, langer Zeit verabredet hatten.

Noch wusste der Fluss nicht viel vom Meer. Er hatte bereits einige Seen passiert. Vom Meer hatte er nur gehört. Menschen, die an dem Fluss wohnten, hatten davon gesprochen, wie schön es an diesem Fluss war – doch die meisten hatten das Meer in höheren Tönen gelobt.

Einen Moment lang zögerte der Fluss, als er gurgelnd einen Felsen umspülte. Würde er dem Meer wirklich gefallen? Würde er genug sein? Doch der Felsen konnte den Willen des Flusses nicht aufhalten. Was sollte er sonst anderes tun? Er kannte nur diesen Weg. Und er wusste, dass er sein Ziel erreichen würde.

Da schmeckte der Fluss die ersten salzigen Tropfen, die mit dem Wind herüberwehten. Er spürte, wie er weiter wurde, offener. Es war ein herrliches Gefühl. Wie viele Engen hatte er durchquert, war von Felsen herabgestürzt und hatte sich hin- und herwinden müssen! Nun gab es nur diese Weite, die vor ihm lag.

Das Meer lockte mit liebevoller Ruhe. Es empfing den Fluss und der Fluss gab sich hin. Die Sonne gratulierte dem Paar, das sich erst vorsichtig, dann immer wilder zu umspielen begann. Ein Tanz der Wasser begann, süß und salzig in inniger Umarmung. Wellen warfen den Fluss hin und her und er ging mit ihnen mit. Dann begann er selbst, Wellen zu schlagen. Er spürte, wie er langsam eins wurde mit dem Meer.

Als der Fluss einen Blick zum Himmel warf, erschrak er. Die Sonne war nicht mehr zu sehen. Stattdessen rollten düstere Wolken heran und über das Meer hinweg, bis zum Ufer und ins Land hinein. Das Ufer war nicht weit entfernt. Die Mündung, aus der der Fluss sich ergossen hatte, lag ganz in der Nähe. Hatte das etwas zu bedeuten? Der Fluss zögerte kurz, fiel dann aber wieder in das Wellenspiel mit dem Meer ein.

Das Meer bäumte sich jetzt hoch auf, angepeitscht vom Wind. Immer wieder wurde der Fluss Richtung Ufer gedrückt. Dabei wollte er sich doch in die Weite ergießen und eins werden mit dem Meer! Doch das Meer ließ ihn nicht. Welle um Welle drückte es den Fluss Richtung Land zurück. Der Fluss kämpfte, strampelte und flehte – vergebens.

Eine gewaltige Welle trug den Fluss aufs Land und ließ ihn dort zurück. Allmählich verzogen sich die Wolken, das Meer beruhigte sich – so nah und doch unerreichbar für den Fluss, der in Pfützen am Ufer lag. Einzig ein paar Salztropfen erinnerten ihn an den Tanz mit dem Meer. So lag der Fluss traurig da.

Schließlich zeigte sich die Sonne wieder. Dem Fluss wurde warm. Er hatte sein Ziel noch nicht aufgegeben. Er würde sich mit dem Meer vereinigen, irgendwann. Dieser Gedanke erhob ihn, trug ihn hoch in die Luft. So wurde er zu einer Wolke, die über viele Länder zog, bis sie sich schließlich in Regen ergoss. Und der Fluss nahm seine Reise wieder auf.

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Photo by @aaronburden on Unsplash.com

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