Anti-Märchen: Das böse Schneewittchen

Es war einmal eine Frau, die hatte ihren Mann und die Kinder verloren. Und weil sie so einsam war, nahm sie ein Edelmann aus der Gegend bei sich auf. Seine erste Frau war ihm ebenfalls verstorben. Geblieben war ihm nur eine Tochter, die schön wie ein Wintermorgen war, doch in ihrem Herzen ebenso kalt. Die fremde Frau gewann den Mann und das Töchterlein sehr lieb und bald wurde Hochzeit gefeiert.
Die Tochter aber, die Schneewittchen genannt wurde, hasste ihre neue Stiefmutter bis aufs Blut und tat alles, um ihr das Leben schwer zu machen. Sie steckte ihr Nadeln in die Schuhe, stahl ihre Kleider, wenn sie badete und erzählte ihrem Vater Lügen über sie. Die Stiefmutter gab sich große Mühe, Schneewittchen zu zeigen, wie lieb sie sie hatte. Doch nichts mochte das Herz des Mädchens erwärmen.
Eines Tages traf sich Schneewittchen mit dem Jäger im Wald. „Du musst sie mir vom Halse schaffen!“, sagte Schneewittchen. Der Jäger war ganz erschrocken. Doch Schneewittchen redete ihm eindringlich zu: „Ich ertrage diese Frau nicht mehr. Du müsst sie erschießen und ihr das Herz herausschneiden. Derweil gehe ich in den Wald. Wenn du sie umgebracht hast, bring mir ihr Herz, damit ich weiß, dass sie auch wirklich tot ist.“
Der Jäger versprach Schneewittchen, dass er es genauso tun würde. Daraufhin verschwand sie in den tiefen, dunklen Wald. Doch der Jäger hatte zwei Finger gekreuzt gehabt, während er das Versprechen gab. Er ging zum Vater von Schneewittchen und berichtete, was er erfahren hatte. Der Vater war sehr besorgt und beriet sich mit der Stiefmutter, was zu tun sei. Diese sagte: „Hab nur Vertrauen, mein guter Mann. Schneewittchen hat es gewiss nicht so gemeint. Der Verlust ihrer Mutter muss sie schwer getroffen haben. Ich werde nach ihr sehen und sie bitten, zu uns zurück zu kommen.“
„Wie willst du das tun?“, fragte der Mann.
„Schneewittchen isst am allerliebsten Äpfel. Im Garten habe ich erst gestern eine köstliche Sorte geerntet. Davon will ich ihr einen mitbringen. Sie wird einsehen, dass es nirgendwo so leckere Äpfel gibt wie hier. Vielleicht wird uns das aussöhnen.“
Der Mann sagte, einen Versuch sei das wert und wünschte seiner Frau alles Gute für ihre Reise.

Die Stiefmutter besaß einen Zauberspiegel, der immer die Wahrheit sprach und noch dazu in alle Welt blicken konnte. Diesen fragte sie: „Spieglein, Spieglein, an der Wand! Wo ist Schneewittchen hingerannt?“
Der Spiegel zeigte der Stiefmutter eine Hütte hinter den sieben Bergen, aus der Rauch aufstieg. Alsbald machte sie sich auf. Weil sie sich dachte, dass Schneewittchen vielleicht die Flucht ergreifen könnte, wenn sie ihre Stiefmutter von weitem erkannte, verkleidete sie sich als alte Bettlerin. So nahm sie die beschwerliche Reise auf sich, um das Kind wieder zurück nach Hause zu holen.

Schneewittchen hatte es sich derweil in der Hütte bequem gemacht, die eigentlich von sieben Zwergen bewohnt wurde. Die Männlein plackten sich tagsüber schwer im Bergwerk ab, wo sie Gold und Edelsteine schürften. Als sie eines abends nach Hause kamen und sich nichts sehnlicher wünschten als einen heißen Brei und eine Mütze voll Schlaf, da entdeckten sie das schlafende Schneewittchen. Es hatte sich quer über alle sieben Betten gelegt, weil sie ihm einzeln zu klein waren. Das Schnarchen des Mädchens ließ das Haus erzittern. Noch dazu hatte es den ganzen Brei der Zwerge aufgegessen.
„He du!“, rief der größte und mutigste Zwerg, indem er das schlafende Mädchen anstupste. „Was liegst du hier herum und hast noch Reste von Brei um deinen Mund? Wir kommen von der Arbeit und sind hungrig und müde.“
„Lasst mich schlafen!“, murrte Schneewittchen und trat nach dem Zwerg.
„Aber dies ist unser Haus!“, versuchten es die Zwerge erneut. „Geht doch dahin, wo ihr wohnt! Seht, die Betten sind doch für euch viel zu klein und zerbrechen unter eurem Gewicht.“
Da brauste Schneewittchen richtig auf, brüllte und gebarte sich so wild, dass die Zwerge es mit der Angst bekamen und eilig aus dem Haus flüchteten. Draußen beratschlagten sie, was zu tun wäre. Doch ihnen wollte nicht einfallen, wie sie das Mädchen aus ihrem Haus vertreiben konnten.
Da kam die Stiefmutter in Gestalt der alten Frau daher. Als sie sah, wie angstvoll die Zwerge beieinander hockten, wusste sie, dass Schneewittchen nicht weit weg sein konnte. Sie fragte die Zwerge: „Sagt, habt ihr ein Mädchen gesehen mit Lippen so rot wie Blut, Haut so weiß wie Schnee und Haaren so schwarz wie Ebenholz?“
Die Zwerge weinten bitterlich und sagten Ja, eben dieses Mädchen habe all ihre Vorräte gegessen und läge nun in ihren Bettchen, die schon zu zerbrechen drohten. Da seufzte die Stiefmutter und hätte am liebsten ihren Apfel an die Zwerge verschenkt. Doch sie hatte nur den einen und mit dem wollte sie Schneewittchen zurück nach Hause locken. Die Stiefmutter versprach den Zwergen, dass sie ihr Glück versuchen wollte, damit sie ihr Haus zurück bekämen. Da dankten die Zwerge ihr und versprachen ihr alles Gold und Edelsteine, was sie haben wolle. Doch die Stiefmutter lehnte dankend ab, weil sie von derlei Dinge nicht viel hielt.
Ganz im Gegensatz zu Schneewittchen, die sich schon mit allerlei Schmuck aus den Kisten der Zwerge behängt hatte. Als die Stiefmutter klopfte, dachte Schneewittchen bei sich: „Das sind gewiss die Zwerge. Denen will ich einen gehörigen Schrecken einjagen!“ Also nahm sie einen Kochlöffel und den größten Topf, den sie fand. Dann riss sie die Tür unter lautem Gebrüll auf und trommelte auf dem Topf herum, dass es den wackersten Mann vertrieben hätte. Die Stiefmutter aber, die solcherlei Scherze gewöhnt war, stellte sich taub. Sie blickte Schneewittchen an und innerlich zerriss es ihr das Herz, wusste sie doch, dass das Mädchen seine richtige Mutter vermisste und deshalb so wütend auf die neue war.
„Mein Mädchen“, sagte sie mit verstellter Stimme. „Ich bin eine alte Bettlerin und kann kaum beißen. Ein netter Mensch schenkte mir diesen Apfel hier, doch der ist nichts für mein Gebiss. Wollt Ihr ihn vielleicht probieren?“
Als Schneewittchen den Apfel entdeckte, lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Gierig riss sie ihn an sich und biss herzhaft hinein. Der Apfel schmeckte so gut, dass sie die Frau sogleich um mehr bat.
„Mehr habe ich nicht“, sagte die Frau. „Doch ich kenne einen Garten, wo solche Äpfel wachsen.“
Schneewittchen sah die alte Frau näher an. Plötzlich wurde sie gewahr, dass sie ihre Stiefmutter in einer Verkleidung vor sich hatte.
„Scher dich zum Teufel!“, keifte Schneewittchen und hub zu weiteren Schimpfworten an. Da musste sie fürchterlich husten, sodass sie keine Luft mehr bekam. Sie hatte den Apfelbissen eingeatmet, der ihr nun im Halse stecken blieb. Die Stiefmutter und die Zwerge taten alles, was sie konnten, doch das arme Schneewittchen erstickte an ihrer eigenen Bosheit.
Da weinten die Zwerge und die Stiefmutter bitterlich. Denn auch wenn Schneewittchen ihnen ihr Leben schwer gemacht hatte, so hatte es doch gewiss etwas besseres als den Tod verdient. Die Zwerge bauten Schneewittchen einen gläsernen Sarg, besetzten ihn mit allerlei Edelsteinen und trugen ihn zum Haus des Vaters zurück. Dieser war ebenfalls voll der Trauer und alle zusammen beweinten sie das Schicksal von Schneewittchen. Das Mädchen wurde unter einem Apfelbaum begraben. Seither trug der Baum jedes Jahr nur bittere Früchte.

Ende

___________________________________

Photo by Liana Mikah on Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.