Die Illusion von Zeit

Jonathan schlug das Buch zu und blickte auf. Es war schon spät, doch der Professor musste noch wach sein. Die Fragen duldeten keinen Aufschub. Und Jonathan war sich sicher, dass der Professor Verständnis haben würde.
Er schritt den langen Flur entlang zum Büro. Niemand sonst war noch wach. Das ganze Gebäude war eingetaucht in eine friedliche Stille. Doch in Jonathan wuchs die Ungeduld. Er brauchte Antworten. Der Professor war der Einzige, mit dem er darüber reden konnte.
Vor der Tür blieb er einen Moment stehen und atmete durch, um zur Ruhe zu kommen. Dann klopfte er. Von der anderen Seite kam keine Reaktion. Vielleicht war der Professor auch schon nach Hause gegangen. Jonathan wandte sich zum Gehen, da hörte er eine freundliche Stimme: „Ja, bitte?“
Jonathan öffnete die Tür. Der Professer saß an seinem Schreibtisch. Nur eine kleine Lampe erhellte das antike Buch, das der Professor durch eine Lupe betrachtete. Ansonsten war der Raum dunkel.
„Ah, Jonathan. Sie sind noch auf, wie ich sehe“, sagte der Professor und lächelte Jonathan zu. „Was treibt Sie um zu so später Stunde?“
„Entschuldigen Sie die Störung, Professor“, sagte Jonathan. „Es ist nur – ich weiß es selbst nicht genau. Etwas ist anders.“
Der Professor legte die Lupe beiseite und stand auf. „Gehen wir ein Stück, Jonathan. Es ist nicht gut, allzu lange über Büchern zu sitzen.“
Jonathan folgte dem Professor nach draußen in die kühle Nachtluft. Der Rasen vor dem Gebäude war ordentlich gemäht. Doch gleich hinter der Mauer floss ein kleiner, wilder Bach entlang. Der Professor führte Jonathan den schmalen Kiesweg entlang. Eine ganze Weile lang sagten sie nichts. Jonathans Atem blies kleine Wölkchen in die Luft. Über ihnen funkelten die Sterne. Jonathan betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Und tatsächlich sah er sie zum ersten Mal.
„Sie sind wunderbar, nicht wahr?“, fragte der Professor.
„Ja, das sind sie“, sagte Jonathan und lächelte. Er begann sich zu entspannen.
„Sie kamen mit Fragen zu mir.“ Der Professor bedeutete Jonathan mit einer Geste zu sprechen.
„Ja. Ich bin verwirrt. Vorhin beim Lesen habe ich gemerkt, wie mir alles unwichtig erschien. Dieses ganze Wissen und alles, was ich bisher geglaubt habe. Es war wie ein Film, der zu Ende war. Und nun stehe ich hier und weiß nicht weiter. Das Alte ist nicht mehr wichtig. Doch wo geht es jetzt entlang? Oder ist das alles nur ein Traum gewesen, ich wache morgen wieder auf und lebe weiter mein altes Leben?“
„Was, wenn Sie wählen könnten?“
„Das verstehe ich nicht.“
„Sie haben immer die Wahl, Jonathan. Das Leben gibt Ihnen täglich die Möglichkeit, etwas Altes oder etwas Neues zu wählen. Die Frage ist, ob sie bereit sind.“
„Das weiß ich eben nicht. Woran erkenne ich es?“
„Es ist ebenfalls Ihre Wahl. Wenn Sie wählen, bereit zu sein, dann sind Sie es auch.“
Eine Zeit lang gingen sie schweigend nebeneinander her. Der Pfad führte am plätschernden Bach entlang in Richtung eines Waldes. Das Mondlicht beschien die Landschaft. Jonathan dachte über die Worte des Professors nach. Er hatte also die Wahl. Das erschien ihm irgendwie verrückt. Schließlich hatte er hart dafür gearbeitet, sein altes Leben aufzubauen und sich Wissen anzueignen. Vielleicht würde er selbst eines Tages Professor sein. Er hatte gute Chancen. Wenn er jetzt einen neuen Pfad betrat – was war das alles dann noch wert? Der Kiesweg machte eine kleine Biegung und hielt auf einen Wald zu.
„Sehen Sie es als eine Einladung“, sagte der Professor. „Das Leben fragt Sie, ob sie zumindest die Möglichkeit erwägen wollen, dass es etwas anderes gibt als das, was sie bisher kennen gelernt haben.“
„Aber es macht mir Angst.“
„Ja, das mag wohl sein.“ Der Professor lächelte. Jonathan faszinierte dieses Lächeln. Der Professor schien niemals Angst zu haben. Selbstbewusst ging er auf dem Pfad Richtung Wald. Jonathan war besorgt. Im Wald war es sehr dunkel. Würden Sie überhaupt den Weg finden?
„Wissen Sie, was ein Schwellenhüter ist, Jonathan?“, fragte der Professor. „Es ist ein Wächter, der an der Grenze zu etwas Neuem steht. Denken Sie nur an die Irrfahrten des Odysseus! Er musste viele Prüfungen bestehen, bevor er nach Ithaka zurückgekehrt ist.“
„Aber da kam er doch nur zu etwas Altem zurück.“
„Ist es so? Würden wir heute über ihn sprechen, wenn er nur der Alte gewesen wäre? Die Fahrten haben ihn zu etwas Neuem werden lassen, zu einer Legende.“ Der Professor machte eine Pause, während nur das Plätschern des Baches zu hören war. „Wissen Sie, Jonathan, jeder Mensch hat Angst.“
„Auch sie?“
„Auch ich. Wieso sollte ich keine Angst haben?“
„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Sie sind der mutigste Mensch, den ich kenne.“
„Jonathan, Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, im Gegenteil. Wie soll ein Mensch ohne Angst mutig sein?“
„Aber Mut heißt doch, die Angst zu besiegen.“
„Genau deswegen braucht es die Angst, um mutig zu sein. Mut bedeutet, der Angst in die Augen zu schauen und zu sagen: Es gibt etwas, das wichtiger ist als das. Es ist die Wahl, dass die Angst nicht mein Leben kontrolliert, sondern dass ich über die Angst hinaus wachsen darf, reifen darf.“
Sie hatten den Waldrand erreicht. Der Professor ging lächelnd hinein. Jonathan blieb stehen, zögerte einen Moment – und folgte ihm in die Dunkelheit. Es war wärmer hier. Die Bäume hielten die Kälte draußen. Der Bach verlief sich zwischen den Stämmen. Der Professor ging zügig, doch nicht gehetzt. Jonathan gab sich Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
„Was ist Zeit?“, fragte der Professor.
„Nun, Zeit ist –“ Jonathan überlegte. Er war überrascht über den scheinbaren Themenwechsel. „Zeit ist relativ.“
„Haben Sie das irgendwo gelesen?“
„Ich glaube schon. Zeit verhält sich zum Raum und – ehrlich gesagt weiß ich nicht wirklich, was Zeit ist.“
„Ich verrate es Ihnen: Es gibt sie nicht. Sie ist eine Idee, eine Illusion.“
„Aber was ist mit Uhren? Und Kalendern? Sind die nicht real?“
„Doch doch“, sagte der Professor und lachte. „Aber wissen Sie, Jonathan, manche Dinge beginnen erst zu existieren, wenn man sie betrachtet.“
Jonathan begann, sich unwohl zu fühlen. So weit draußen von seiner gewohnten Umgebung, noch dazu mitten in der Nacht und dann diese verrückte Idee, dass Zeit eine Illusion sei!
„Ja, wir messen Zeit“, sagte der Professor. „Aber was veranlasst uns dazu, zu glauben, dass sie deswegen real sei? Würde jemand die Tropfen im Ozean in einer Reihe aufzuhängen versuchen, würden Sie doch auch zugeben, dass das eine sehr verrückte Sache ist, oder nicht?“
„Gewiss.“
„Nun stellen Sie sich vor, jemand hätte das vor langer langer Zeit getan. Sie wüssten nicht, dass der Ozean eigentlich als ein großer Haufen von Wassertropfen existierte. Sie kennten nur die aufgereihte Version. Würden Sie dann nicht jeden für verrückt erklären, der Ihnen versuchte, das Gegenteil zu beweisen?“
„Sie meinen, jemand hat die Zeit in einer Reihe aufgehängt?“
„Exakt. Gewiss war das eine Erleichterung. Stellen Sie sich vor, Sie würden jederzeit alles gleichzeitig wahrnehmen, was früher war, jetzt ist und später sein wird. Unser kleiner Geist ist nicht in der Lage, all das zu erfassen. Also hat unser kleiner Geist sich einen Gott geschaffen, der dies vermochte: Überall zur gleichen Zeit zu sein. Doch der Witz ist: Wir selbst sind dieser Gott, der sich verboten hat, das große Ganze zu sehen.“
„Das klingt nach Blasphemie.“
Der Professor zuckte mit den Schultern. Jonathan sah es, trotz der Dunkelheit. Zumindest war er sich sicher, dass er es gesehen hatte. Jetzt, wo er darüber nachdachte, fragte er sich, wie es sein konnte. Schließlich sah er nicht einmal den Pfad vor sich. Er folgte dem Geräusch der Schritte, die auf dem winterharten Laub knirschten.
„Sie haben die Wahl“, sagte der Professor. „Natürlich können Sie an ihrem alten Denken festhalten. Niemand hindert Sie daran.“
Jonathan überlegte. „Nein, ich kann nicht“, sagte er. „Es fühlt sich an, als hätte ich dieses Kapitel abgeschlossen.“
„Bedauerlich“, sagte der Professor und in seiner Stimme schwang ein Lächeln mit. „Dann bleibt Ihnen nur eine Wahl.“
„Ist es dann eine Wahl?“
„Sie können auch abwarten und solange das Leben weiterführen, das sie kennen. Das liegt ganz bei Ihnen. Es wäre nur schade, wo wir doch schon so weit gekommen sind.“
Da bemerkte Jonathan einen Lichtschein. Zwischen den Stämmen vor ihnen leuchtete es weißgold hindurch, als hätte dort jemand einen Scheinwerfer aufgestellt. Jonathan fragte sich, wo sie sich gerade befanden. Sie mussten tief im Wald sein.
„Mein lieber Jonathan“, fuhr der Professor fort. „Ich möchte Sie gern in ein Geheimnis einweihen. Behalten Sie es nicht für sich, wenn Sie können.“
„Verstehe ich Sie richtig? Sie wollen, dass ich es mit anderen teile?“
„Nur wenn Sie können.“
„Dann ist es doch kein Geheimnis mehr.“
„Sehen Sie, Jonathan, es gibt Geheimnisse, die sprechen sich schnell herum. Die neue Liebschaft eines Schauspielers oder welcher Fußballtrainer demnächst welchen Verein trainieren wird. Solche Dinge lenken ab von dem, was wirklich ist. Die wirklichen Dinge bleiben oft ein Geheimnis, weil die Menschen sie nicht hören wollen. Zumindest nicht alle. Sie, Jonathan, scheinen mir bereit zu sein.“
„Ich fühle mich nicht so.“
„Nun, Ihr Geist ist offen. Sie sehen das Licht?“
„Ja, ich sehe es.“
„Gut. Dann werden Sie vielleicht bald einen Teil Ihrer Angst los sein.“
Sie betraten eine Lichtung. Jonathan sah die knorrigen Bäume rundherum. Sie wirkten sehr alt. Sie wurden beschienen von einem weißgoldenen Licht, das in der Mitte der Lichtung schwebte wie eine Tür. Die Rahmen leuchteten heller als das Rechteck in der Mitte.  Jonathan meinte außerdem, einen entfernten Gesang zu hören. Tränen der Freude stiegen ihm unwillkürlich in die Augen. War das ein Traum?
„Wir fürchten uns oft vor der Zukunft“, sagte der Professor. „Das rührt daher, weil wir nur unsere Vergangenheit zu kennen glauben. Wir erinnern uns all unserer Fehler und Makel und all der Traumata, die wir für Gründe halten, dass es in Zukunft auch nicht besser werden wird. Deshalb fürchten wir uns. Wir fürchten uns davor, weiterhin mittelmäßig zu leben und mittelmäßig zu sterben, ohne das erfüllt zu haben, weswegen wir hier sind. Jonathan, ich frage Sie: Was, wenn Vergangenheit und Zukunft nur Tropfen in einem Ozean wären?“
„Dann – dann wäre es möglich –“ Er hielt den Mund und die Augen offen, sprach aber nicht weiter.
„Was wäre dann möglich? Sagen Sie es ruhig laut. Sie haben es bereits gedacht. Es ist nur ein weiterer Schritt.“
„Wenn Vergangenheit und Zukunft nur Tropfen in einem riesigen Ozean wären, dann wäre es möglich, dass sie unabhängig voneinander sind. Sie könnten nebeneinander existieren. Aber sie bauen nicht aufeinander auf. Man könnte – ich könnte die Vergangenheit einfach hinter mir lassen. So wie ein Tropfen dem anderen in einem Fluss nachfolgt. Professor, das ist –“
„Großartig, nicht wahr?“
„Es erscheint mir zu einfach.“
Der Professor deutete auf die Tür aus Licht. „Es liegt alles vor Ihnen, Jonathan. Sie dürfen wählen.“
„Nur ein Tropfen“, murmelte Jonathan und ging auf das Portal zu. Er wandte sich noch einmal zum Professor, der ihm schweigend zulächelte. Dann blickte er in das gleißende Licht und hörte den Gesang deutlicher. Es war einfach. Es war seine Wahl. Jonathan nahm einen tiefen Atemzug, fühlte die Spannung in seinem Körper und setzte einen Schritt nach vorne. Er hatte gewählt.

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Beitragsbild von Oliver Hihn (@mr_kuchen) auf Unsplash.com

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