Sinfonie des Lebens

Ich hasse es, die Kontrolle zu verlieren. Im Grunde ist das ganz menschlich. Wir alle versuchen, diese Welt zu verstehen. Manche finden sich mit einem einfachen Weltbild ab, das klare Gegner und Verbündete kennt. Ich glaube, dass die Welt deutlich komplizierter ist. Aber das bedeutet eben auch, an vielen Stellen nicht Bescheid zu wissen. Und das nervt.

Manchmal wünsche ich mir eine ganz einfach Antwort auf die komplexen Fragen, die sich in der heutigen Zeit stellen: Wie begegnen wir dem Klimawandel? Was für Folgen wird die Corona-Krise haben? Und wie werde ich eigentlich glücklich im Leben?

In „Per Anhalter durch die Galaxis“ rechnet der Supercomputer Deep Thought die Antwort auf die große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest aus: 42. Um diese Antwort zu verstehen, muss ein noch größerer Supercomputer gebaut werden. Doch der wird später von den Vogonen zerstört, kurz bevor er die Frage zu der Antwort errechnet hatte. Es ist und bleibt also kompliziert.

Vor einigen Tagen habe ich kurz vor dem Einschlafen diese Leere gespürt. Dieses Gefühl, wenn man erkennt, dass man nur ein kleines, unbedeutendes Licht in dieser Welt ist und eigentlich keine fucking Ahnung hat, was hier abgeht. Was weiß ich schon? Was kann ich bewirken? Ich spürte, wie sich der Raum um mich herum ausbreitete, ein tosender Sturm, absolutes Chaos – und ich mittendrin.

Dann kam mir ein Bild für dieses Chaos, das mich mit Hoffnung und Frieden erfüllte. Das, was sich wie Chaos anfühlte, war eigentlich Musik. Irgendeine kosmische Sinfonie, in der ich einen Ton spielen durfte. Gerade spielten wir ein sehr wildes Stück. Bläser, Streicher und Trommeln peitschten sich gegenseitig auf, wie in den epischen Film-Soundtracks und klassischen Stücken, die ich gerne hörte.

Als Zuhörer sitzt man verträumt da und applaudiert später, weil man das Stück für ein Meisterwerk hält. Doch wie muss sich ein einzelner Ton fühlen? Noch dazu, wenn er keine Idee von dem großen Ganzen hat? Kurz ist er da und schon wieder weg. Und die meisten werden sich nicht an diesen einen speziellen Ton erinnern, sondern nur an diese eine Passage, wo es so richtig abging.

Das Spannende im Leben finde ich, dass wir meist erst im Nachhinein sehen, was draus wird. Gerade jetzt. Einiges können wir vorher erahnen. Aber wissen tun wirs erst später. Von daher gehe ich mit der Idee durchs Leben, dass ich dieser noch unfertigen Sinfonie meinen ganz persönlichen Ton hinzufüge. So klar und deutlich, wie ich kann. Ich mache mir bewusst, dass in diesem Orchester noch viele andere mitspielen. Und wenns zwischendurch dramatisch klingt: Auch dieses Stück geht zu Ende. Und wer weiß, vielleicht blicken wir irgendwann stolz zurück auf diese Zeit, wohl wissend, dass unser Ton wichtig war, auch wenn ihn niemand bewusst wahrgenommen hat.

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Beitragsbild von @larisabirta auf Unsplash.com

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