Am Anfang war die Stille

Am Anfang war die Stille. Doch die Stille war nicht wirklich still. Hättest du damals hinhören können, so hättest du in der in ihr eine Melodie vernommen. Eine Melodie so schön, dass ihr keine weltliche Musik gleicht. Eine Melodie, so kraftvoll und gewaltig und dennoch so zart. Diese stille Melodie war der Ursprung von allem.

Wenn du dir vorstellen willst, wie alles begonnen hat, dann nimm dich einmal selbst in den Arm. Schließe deine Augen. Atme. Und lass dich in dich selbst fallen. Du wirst merken, dass die Dunkelheit hinter deinen Augenlidern nicht wirklich dunkel ist. Du wirst merken, dass dein Atmen kommt und geht, aber aus welchem Ort? Stell dir vor, dass du gehalten bist. Nicht nur durch deine Arme, sondern durch die ursprüngliche Stille, die sanfte Melodie des Anfangs, die dich umfasst, ergreift und zugleich aus dir heraus klingt. Du bist die Stille und die Stille ist in dir.

Diese Stille will nicht verstehen. Sie weiß. Sie will nicht verändern. Sie begründet. Sie trennt nicht, sondern führt zusammen. Diese Stille ist nicht das Schweigen in peinlichen Momenten. Sie ist nicht die Abwesenheit von Geräusch. Sie besteht aus dem feinen Gewebe, das zwischen den Tönen schwingt

Du kennst diese Stille. Du kennst sie gut und sie kennt dich. Denn du bist ihr liebstes Kind. Jedes Lachen lacht sie mit dir, jede Träne vergießt sie mit dir. Sie ist da in deinen dunkelsten und hellsten Momenten. Sie liebt dich, ganz so wie du bist.

Am Anbeginn der Zeit gebar die Stille einen Ton. Dieser Ton schwoll an. Immer lauter klang er in den weiten Raum hinein und verkündete stolz seine eigene Existenz. Er teilte sich, spielte mit sich selbst in den verschiedensten Formen und Farben. Du hast ihn bestimmt schon erlebt. Er wirkt in allem, was sich bewegt. Er lässt das Gras und die Blätter sprießen, schüttelt Donner aus den Wolken, lässt Berge aus den Meeren steigen und wieder zu Staub zerfallen.

Dieser Ton klang mit im ersten Gedanken und im ersten Wort. Er ist rastlos. Ständig drängt er voran, erkundet neugierig alle Winkel der Existenz, lässt Generationen von Sternen entstehen und wieder vergehen. Die Kraft des Tons hat ein ganzes Universum erschaffen. Doch der Ursprung liegt in der Stille.

Wie ein Fluss strebt der Ton von seiner Quelle fort und ist zugleich unsichtbar mit ihr verbunden. Die Stille ängstigt ihn, ist sie doch der Tod für sein Streben nach mehr. Also dehnt sich der Ton weiter und weiter aus, verzweifelt und wütend, ohne zu bemerken, dass die Stille ihm in allem nachfolgt, ja sogar vorauseilt, um ihm liebevoll den Weg zu ebnen. Denn überall, wo der Ton hingeht, war vorher bereits Stille.

Je weiter der Ton flieht, desto einsamer wird er. Denn insgeheim spürt er seinen Ursprung. In ihm ist eine große Sehnsucht, sich in die Quelle sinken zu lassen. Doch fürchtet er, auf ewig zu verstummen, sollte er sich der Stille hingeben. So strebt er von ihr weg, statt ihrer allgegenwärtigen Umarmung gewahr zu werden.

Es wird der Tag kommen, dass der Ton die Stille anerkennt. Sie wird ihn küssen und sagen: „Ich war immer hier, mein Geliebter. Nun wirst du erkennen, dass wir von Anbeginn an vereint waren.“ Und der Ton wird erkennen, dass keiner seiner Schritte ohne die Stille war. Bis zum Ende aller Zeiten wird er ihr das Lied seiner Liebe singen. Denn das ist seine Bestimmung: Zeuge zu sein für die Existenz der Stille.

 

Beitragsbild von Andy Holmes auf Unsplash.com

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