Was mich eine Birne übers Universum lehrte

Über Isaac Newton erzählt man, ihm sei ein Apfel auf den Kopf gefallen. Dabei habe er die Gravitation entdeckt, ein Meilenstein in der Wissenschaftsgeschichte. Ich hatte mein ganz persönliches Erlebnis mit einer Birne. Dabei wurde zumindest meine eigene Weltsicht auf den Kopf gestellt.

Es war ein ganz normaler Frühdienst im Krankenhaus. Ich sprach gerade mit einem Patienten, als eine Kollegin nach mir rief. Sie bat mich um Hilfe, da zwei Patienten zeitgleich in den OP gefahren werden sollten. Eine andere Kollegin schaltete sich dazwischen und meinte, man könne ja nicht sofort beide reinfahren. Das war korrekt. Die OP-Schleuse war nur groß genug für ein Bett. Also wäre es ja sinnvoll gewesen, die Patienten nacheinander reinzufahren. Klingt logisch.

Mein Kopf machte daraus: Die Kollegin kommt schon zurecht. Oder besser: Ich kann mich um meinen eigenen Kram kümmern und muss nicht helfen. Ist nicht mehr meine Baustelle. Zugegeben, ich war müde und nicht in bester Verfassung. Kurze Zeit später fuhr meine Kollegin mit dem ersten Patienten an mir vorbei und beschwerte sich darüber, dass ich ihr nicht half – zurecht. Mir dämmerte, dass ich mir was eingeredet hatte, um möglichst wenig Arbeit zu haben. Das war faul und arrogant gewesen. Und eigentlich ein Verhalten, was ich schon längst abgelegt haben wollte.

Diese Situation beschäftigte mich. Wie konnte es sein, dass ich manchmal so ein Arsch war? Und versteht mich bitte richtig: Jede*r hat mal ’nen Scheiß-Tag. Jede*r baut mal Mist. Und wir alle tun manchmal Dinge, die völlig daneben sind und wo wir uns im Nachhinein fragen, wie zur Hölle das passieren konnte. Aber an diesem besonderen Morgen wollte ich es wissen. Wieso hatte ich meiner Kollegin nicht geholfen, obwohl ich locker Zeit dafür gehabt hätte?

Die Antwort fand ich in der Pause, als ich eine Birne aß. Als erstes wurde mir bewusst, dass ich nicht empathisch gewesen war. Hätte ich mich in meine Kollegin reinversetzt, hätte ich natürlich gewusst, dass sie auch Hilfe gebraucht hätte, wenn sie nur ein Bett hätte schieben müssen. Okay, soweit klar. Aber was war der tiefere Grund?

Ich hatte uns als zwei getrennte Wesen erlebt.

Bitte was? Ja, ich hatte zuletzt einiges darüber gelesen und gehört, dass wir alle miteinander verbunden waren und so. Grenzen sind im Grunde nur eine Illusion. Das hatte ich bisher für ein nettes spirituelles Konzept gehalten. Ich betrachtete die Birne in meiner Hand. Konnte es sein, dass das wirklich stimmte? Wenn meine Kollegin, die Patienten, ich, ja sogar die Birne eins waren…?

Etwas riss mich nach hinten. Mein Körper blieb im Pausenraum sitzen, während mein Bewusstsein auf Reisen ging. Ich zoomte mich raus, sah das Krankenhaus kleiner werden, sah die Stadt unter mir, dann nur noch schemenhafte Flecken, bis selbst die Erde unter mir in die Bedeutungslosigkeit verschwand. Die Sterne und Planeten tanzten ihren kosmischen Tanz, jedoch rückwärts. Die gesamte Schöpfung schrumpfte zusammen, als würde sie von einem unsichtbaren Abfluss eingesogen. Es ging alles sehr schnell. Am Ende strahlte nur noch eine unglaubliche Energie, die ebenfalls in sich zusammenfiel – zu einem winzigen Häufchen Nichts.

Und dabei war es nicht wirklich nichts. Es war das gesamte Universum, konzentriertes kosmisches Potenzial, verdichtet auf einen einzigen, winzigen Punkt. Mein Bewusstsein spulte leicht vor und zurück. Mal verschwand der Punkt und es war wirklich nichts da. Dann ploppte da dieser Punkt auf. Die absolute Einheit von allem, was irgendwann mal werden sollte. Dann wieder nichts. Dann dieser Punkt. Dann wieder ein Stückchen weiter, sich entladende Energie, irgendwann die ersten Teilchen – der Beginn unseres Universums.

Die Teilchen veränderten sich mit der Zeit, wurden dichter, verteilten sich, krachten ineinander, verschmolzen, trennten sich, schleuderten Materie durchs All, kreisten wild umeinander, kühlten ab und an irgendeiner Stelle ließen sie Wasser auf einen kleinen Planeten regnen. Eine Atmosphäre bildete sich, Leben entstand. Pflanzen ermöglichten es durch ihren Sauerstoff, dass Tiere auftraten, atmeten, das Land besiedelten. Immer noch vor unvorstellbar langer Zeit kletterten unsere Vorfahren von den Bäumen. Generationen von Menschen flogen vor meinem inneren Auge vorbei, bis ich schließlich mich selbst sah, der da im Pausenraum dieses Krankenhauses saß und eine Birne in der Hand hielt.

Ungläubig sah ich dieses grüne Wesen vor mir an. In diesem Moment hatte ich den Eindruck, dass die Birne nichts anderes war als ich selbst. Wir beide stammten aus diesem einen, winzigen Punkt, der vor 3,4 Milliarden Jahren alles enthalten hatte. Der Stuhl auf dem ich saß, der Tisch vor mir, ja selbst meine Kolleg*innen und die Bäume draußen vor dem Fenster: Alles war einmal eins gewesen. Im Grunde waren wir nur eine kosmische Spielform, ein Versuch des Universums, das sich selbst entdeckte. Angesichts dieser gewaltigen Schöpfung war es schon lächerlich, dass ich so sehr auf meinen „eigenen“ Vorteil bedacht gewesen war. Absolut gesehen gab es kein „mein“ und „dein“. Wenn ich jemandem half, dann half ich auch immer mir selbst. Wenn ich es ablehnte, lehnte ich auch mich selbst ab. Weil wir alle aus demselben Ursprung stammten.

Ich aß also die Birne auf in dem Bewusstsein, dass da gerade Materie Materie isst. Und dass wir uns an vor langer Zeit mal so nahe waren, dass nichts dazwischen gepasst hätte. Jetzt hatte sich alles etwas ausgedehnt, um miteinander zu spielen. Auch meiner Kollegin begegnete ich dadurch ganz anders. Ich bin großzügiger und hilfsbereiter geworden. Ja, auch neugierig darauf zu entdecken, was aus uns geworden ist, die wir einmal mit dem gesamten Universum auf einen winzigen Punkt konzentriert waren. Was für ein unfassbar komplexes Wunder!

Ich teile nicht jede Meinung und möchte manchmal auch einfach noch Rechthaben. Aber ich habe mittlerweile großen Respekt vor der Kreativität der Schöpfung. Ich kämpfe nicht mehr. Zumindest nicht mehr so verbissen wie früher. Denn aus dieser großen Perspektive betrachtet ist alles nur ein Spiel. Ein Spiel darüber, was noch alles möglich ist. Ein Spiel, das in einem kleinen Punkt begann und sich immer weiter ausdehnt, immer neue Formen annimmt. So lange, bis vielleicht alles ausprobiert, alles gefühlt, alles gedacht wurde. Wer weiß, was in diesem Leben noch kommt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, die Möglichkeiten zu erkunden. Und ich werde immer achtsamer damit, wie ich mit mir (uns) umgehe.

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