Taste the Waste

„Taste the Waste“ ist eine Dokumentation von Valentin Thurn. Dieser Film hat mich schon vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, welche Massen von Lebensmitteln in Deutschland verschwendet werden. Allein 30-50% der Kartoffelernte landen jährlich im Müll, weil die Kartoffeln nicht der Norm entsprechen. Aber das sind nur Zahlen. Im August bekam ich die Gelegenheit, einen Teil der Verschwendung mit eigenen Augen zu sehen. Nun kann ich nicht länger darüber schweigen.

Wir fuhren abends los, als alles schon dunkel war. Die Fahrräder ausgerüstet mit Satteltaschen, auf dem Kopf eine Stirnlampe. Ein Freund sagt mir: „Florian, ich muss dich belehren: Offiziell ist das Diebstahl“. Zu dritt waren wir auf dem Weg zu einem Supermarkt. Ein bisschen Angst hatte ich schon, obwohl ich wusste, dass noch niemand fürs „Containern“ ernsthaft belangt worden ist. Dabei geht es darum, in Mülltonnen nach genießbaren Lebensmitteln zu suchen. Das klingt erst einmal eklig und vor allem armselig. Wer hat es denn schon nötig, im Müll nach Essen zu wühlen?

Tatsächlich gibt es zahlreiche Anhänger des Containerns. Vor allem unter Studenten ist das Abtauchen in die Tonne bekannt. Manche – so wie die beiden Freunde, die mich auf eine Tour mitnahmen – tun dies nicht aus Geldmangel, sondern aus Überzeugung.

Mit gemischten Gefühlen erreichten wir den Supermarkt. Alles war still, bis auf gelegentlich vorbeifahrende Autos auf einer Straße. Wir selbst waren einigermaßen versteckt, auch wenn über uns grelles Neonlicht brannte. Drei Mülltonnen standen unter der Röhre. Noch dachte ich, dass wir ein paar wenige Dinge finden würden, begraben unter Schimmel und Dreck. Ich wurde eines Besseren belehrt.

Meine Freunde klappten routiniert die Deckel auf und sortierten, was das Zeug hielt. Massenweise Obst und Gemüse kam zum Vorschein. Ein paar Teile waren schimmelig oder matschig. Die wurden in die linke der drei Tonnen geworfen. Was noch gut war, kam in die Satteltaschen. Diese wurden praller und praller. Selbst der Korb meines ausgeliehenen Fahrrads war bald voll mit wirklich guten Lebensmitteln.

Die Aktion dauerte einige Minuten, in denen ich immer wieder einen Blick auf die Straße warf. Vielleicht tauchte ja doch noch die Polizei auf? Aber sie kam nicht. Voll beladen fuhren wir zu unserer Basis zurück. Wir breiteten die Lebensmittel auf dem Küchentisch aus (siehe Foto) und ich war fassungslos. Das alles stammte aus einem Supermarkt. Von einem Abend. Als ich die Menge auf alle Supermärkte Deutschlands hochzurechnen versuchte, wurde mir schwindelig.

Meine Freunde zogen erneut los, diesmal zu anderen Läden, während ich mich um unseren ersten Fang kümmerte. Ich wusch alles gründlich ab und sortierte einige Früchte aus, die nicht mehr essbar waren. Und schüttelte nur noch den Kopf. Wir brauchten den Rest der Woche nicht mehr einkaufen zu gehen und haben noch viel verschenkt.

Natürlich war nicht mehr alles hundertprozentig frisch. Viele Dinge mussten wir sofort verarbeiten, was geschmacklich überhaupt keinen Unterschied gemacht hat. Aber was mir besonders im Gedächtnis blieb, waren die Äpfel. Sie waren so gut, dass ich noch zwei Wochen später einen davon aß, der aussah wie frisch vom Baum gepflückt. Und warum war er in der Tonne gelandet? Weil er mit mehreren anderen in einer Plastik-Verpackung gelagert war. Ein Apfel darin hatte eine braune Stelle. Deshalb wurde die ganze Verpackung weggeworfen. Das Gleiche geschah mit Paprika, Aprikosen und dergleichen.

Für mich, der ich in der Vergangenheit Geldmangel und Hunger erlebt habe, war das ein einschneidendes Erlebnis. Wie konnte es sein, dass selbst in Deutschland manche Menschen nicht genug zu essen hatten und auf der anderen Seite so viel weggeworfen wurde?

Grund ist unter anderem der Schönheitswahn in der Lebensmittelindustrie. Alles muss perfekt sein, glatt und ohne irgendwelche Flecken. Eine Gurke lässt sich besser verarbeiten, wenn sie gerade ist. Diese Forderungen stammen nicht „von oben“, wie manch einer sich gern echauffieren möchte. Wir sind es, die die Norm setzen. Sobald Bananen reif sind, werden sie nicht mehr gekauft. Kohlrabi, denen die Blätter fehlen, werden durch „perfekte“ Exemplare ersetzt (Wir fanden allein fünfzehn Stück, an denen absolut nichts auszusetzen war). Wir wollen Kartoffeln, die alle die gleiche Größe haben. Das Auge isst mit. Und schrumpelige Paprika wirken für den verwöhnten Kunden abstoßend, auch wenn sie sowieso kleingeschnitten in der Gemüsepfanne landen.

So landen ca. 300 kg Lebensmittel im Müll. Allein in Deutschland. Und zwar in jeder Sekunde. Das macht, wenn Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben, fast 30 Tonnen. Damit könnte man eineinhalb Müllwagen füllen.

Was kann man jetzt gegen die Lebensmittelverschwendung tun?

Als erstes können wir durch unser Kaufverhalten Einfluss nehmen, was produziert wird. Indem ich Obst und Gemüse ohne Vorrats-Plastik-Verpackung kaufe, unterstütze ich die entsprechenden Hersteller. Ein Vorteil ist außerdem, dass ich selbst kontrollieren kann, wieviele Teile ich benötige, sodass ich am Ende selbst nichts wegwerfen muss.

Zweitens kaufe ich nicht immer die „schönsten“ Lebensmittel. Manche Läden haben sich schon die Strategie zugelegt, deformiertes Gemüse für einen günstigeren Preis zu verkaufen. Aber auch im normalen Sortiment findet sich eine schrumpelige Paprika, die gleich verarbeitet werden kann.

Das führt zum nächsten Punkt: Clever einkaufen heißt auch, gerade frische Ware nicht allzu lange zu lagern. Wer vor einem Einkauf richtig plant, muss nachher nichts wegschmeißen.

Sollte dann doch mal zu viel vorrätig sein, kann ich die überschüssigen Lebensmittel verschenken. Foodsharing hat sich das Lebensmittelretten auf die Fahne geschrieben und unterstützt das Weitergeben von guten Lebensmitteln im privaten Bereich. Aber auch Nachbarn und Freunde freuen sich, wenn sie Essen geschenkt bekommen.

Zuletzt möchte ich darauf hinweisen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nichts über die Qualität eines Produkts aussagt. Viele Lebensmittel sind noch Wochen oder sogar Monate später genießbar. Das MHD ist nur eine rechtliche Absicherung des Herstellers, der mindestens bis zum angegebenen Datum garantiert, dass das Produkt Konsistenz und Geschmack beibehält. Wirklich sicher kann man nur sein, indem man selbst nachschaut.

Auch du kannst mithelfen, Lebensmittelverschwendung und Überproduktion zu vermeiden. Und ganz nebenbei sparst du bares Geld. Wenn nicht für die Umwelt, dann vielleicht fürs Portemonnaie.

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