Was ich dem Kind im Bus gern gesagt hätte

❕ CONTENT NOTE: In diesem Beitrag geht es teilweise um Gewalt, speziell Gewalt an Kindern.

Es gibt Momente, da bin ich einfach fassungslos. Ich frage mich: Passiert das gerade wirklich? Oftmals will ich nicht, dass es wirklich passiert. Ich will, dass das nur ein weiterer verrückter Einfall meines Geistes ist. Nur eine Geschichte.

Doch es gibt diese realen Situationen. Situationen, in denen Gewalt passiert, ob physisch oder verbal. Ich habe mich lange Zeit als Zuschauer erlebt, wie hinter einer Glasscheibe, unfähig einzugreifen. Wenn Erwachsene sich untereinander fetzen, tut das weh. Aber sie sollten in der Lage sein, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen und das Geschehene einzuordnen. Wenn Kinder sich anschreien, raufen oder sonstwie versuchen, sich zu beweisen, ist das bis zu einem gewissen Grad auch in Ordnung und Part ihrer natürlichen Entwicklung.

Was gar nicht geht, ist wenn Erwachsene sich an Kindern vergreifen.

Ich möchte nicht über Menschen urteilen, die in Extremsituationen sind. Ich weiß, dass ich auch dazu neige, wütend zu werden, wenn ich gestresst bin, wenig geschlafen habe und dann dauernden Reizen ausgesetzt bin. Aber es gibt da eine wichtige Linie, die ich (hoffentlich) niemals überschreiten werden. Vor allem nicht nach dem, was ich erlebt habe.

Es ist schon einige Jahre her, aber ich erinnere mich immer wieder an dieses Erlebnis. Ich war in einer fremden Stadt mit dem Bus unterwegs. Ich hatte es eilig, denn ich wollte eine Mitfahrgelegenheit bekommen. Ich kannte mich nicht aus, hoffte nur, die richtige Haltestelle zu erwischen.

Mit im Bus saß eine Mutter mit ihrem Kind, das vielleicht gerade im Grundschulalter war. Die beiden saßen sich gegenüber. Die Mutter schaute aufs Handy, das Kind aus dem Fenster. Es schien sichtlich gelangweilt zu sein, plapperte oder sang vor sich hin. Die Mutter wirkte abwesend, irgendwie nervös. Das Kind versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und hatte damit immer wieder kurz Erfolg. Doch die Reaktion war stets abweisend. Das Handy war aus irgendeinem Grund wichtiger. Die Mutter zischte mehrfach, das Kind solle still sein und sich richtig hinsetzen. Das Kind wurde dadurch noch hibbeliger, die Mutter wütender.

Dann passierte etwas, was mich nachhaltig schockiert hat.

Als das Kind weiter auf dem Sitz herumzappelte und sang, packte die Mutter es und setzte es sich auf den Schoß. Sie hielt es so fest, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Sie hielt ihm sogar eine Hand vor dem Mund, dass kein Ton mehr herauskam. Das Kind war vollkommen gefesselt und geknebelt. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es richtig Luft bekam.

Wie gesagt, ich möchte an dieser Stelle nicht über die Mutter urteilen. Ich kenne nicht ihre Situation. Ich weiß nicht, ob sie psychisch krank war, ob sie es anschließend bereut hat und ob der Fall aufgelöst werden konnte. Doch ich frage mich immer wieder, was in ihr vorgegangen sein muss. Wenn sie so etwas schon in der Öffentlichkeit tat, was war dann erst zuhause los? Hatte sie überhaupt die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren?

Was mich fast noch mehr schockiert hat (und nachhaltig bewegt), war meine eigene Untätigkeit. Ich habe diese Szene mit angesehen wie einen Unfall auf einer Leinwand. Aber ich bin nicht eingeschritten. Ich habe mir eingeredet, dass ich mich nicht in die Erziehung anderer einmischen dürfte. Ich habe mir eingeredet, dass sowieso zu wenig Zeit wäre, die Situation einigermaßen gewaltfrei zu deeskalieren. Schließlich musste ich doch meine Mitfahrgelegenheit bekommen… Was für ein beschissen egoistischer Grund.

Im Grunde hatte ich Angst. Ich hatte solche Angst, ich weiß nicht wovor. Ich habe mich im Bus umgeschaut und mich gefragt, warum denn niemand anders was macht. Außer mir waren schließlich noch andere Leute unterwegs. Und vermutlich haben sich das auch die anderen Fahrgäste gedacht. Doch weil niemand eingeschritten ist, blieb ich mit der ganzen Herde sitzen. Kurz darauf, als ich ausstieg, habe ich mich selbst dafür verurteilt. Ich wollte zurücklaufen, doch der Bus war schon weiter gefahren. Es hatte diesen Moment gegeben, wo ich hätte handeln können. Doch ich habe mich von meiner Angst klein halten lassen.

Immer wieder denke ich an diese Busfahrt zurück und an das Kind. Ich stelle mir vor, was in ihm vorgegangen sein muss: Einerseits war das eine lebensbedrohliche Situation, in der man sich normalerweise wehren würde. Doch es war ja die Mutter, die einen da festhielt. Und die musste man doch lieb haben. Hatte Mama nicht immer recht? Wie soll ein Kind auf so etwas reagieren? Wie wirkt sich das aufs weitere Leben aus?

Immer wieder denke ich daran, was ich wohl getan hätte. Ich wäre gern zu der Mutter gegangen und hätte klar und deutlich gesagt: „Sie lassen jetzt sofort das Kind los.“ Ich hätte nicht gezögert, die Polizei zu rufen. Wenn die Mutter das Kind dann freigegeben hätte, hätte ich mich ihm zugewendet. Ich hätte gesagt: „Niemand, kein Mensch auf der Welt hat das Recht, dich so festzuhalten. Du bist wunderschön. Du bist unschuldig. Du bist gut. Du bist genauso gut, wie du bist. Du hast nichts falsch gemacht. Deine Mama vergisst das vielleicht manchmal. Aber du bist ein ganz toller Mensch. Du darfst dich wehren. Du darfst Nein sagen. Das ist wichtig. Niemand darf dich so festhalten. Du hast nichts falsch gemacht. Du bist gut, genauso wie du bist. Und ich wünsche dir, dass deine Mama das auch erkennt.“

Vielleicht hätte ich der Mutter noch geraten, dass sie sich Hilfe holen soll. Vielleicht wäre ich dabei geblieben, hätte versucht, die Situation noch besser zu verstehen, um zu schauen, was es jetzt braucht, ob es wirklich ’nur‘ ein völlig heftiger Ausrutscher war oder ob es klug wäre, das Jugendamt einzuschalten. Ich hätte das Kind beschützt, wie eine Mutter oder ein Vater es hätte beschützen müssen.

Hätte.

Ich kenne mich zu wenig mit diesen Dingen aus. Aber ich hätte etwas tun können. Jede:r im Bus hätte etwas tun können. Aber wir sind sitzen geblieben. Und ich bin an der nächsten Haltestelle ausgestiegen, mit Tränen in den Augen und einer Situation im Kopf, die mich immer und immer wieder verfolgt.

Ich hoffe sehr, dass es dem Kind gut geht.

Und ich wünsche mir, dass ich das nächste Mal einschreite. Ich bin mutiger geworden – vielleicht auch, weil ich gesehen habe, was passiert, wenn ich zu sehr in meiner Angst festhänge.

Diese Situation hat mich einiges gelehrt. Vor allem Demut. Denn in genau solchen Momenten entscheidet sich, ob ich Werte wie Respekt wirklich lebe oder ob das nur hohle Phrasen sind. Ob ich bereit bin, meine eigene Angst an die Seite zu stellen, um einen anderen Menschen zu retten.

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Beitragsbild von Ant Rozetsky auf Unsplash.com

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