Die Spielautomaten-Falle

Ich mag Käsekuchen. Ziemlich gerne sogar. Das Problem ist: Meist schmeckt nur das erste Stück richtig gut. Und spätestens nach dem vierten habe ich Bauchschmerzen. Wieso kann ich nicht so viel essen, wie ich will?

Dahinter steckt ein spannendes Paradox, das ich die Spielautomaten-Falle nenne. In unserer Gesellschaft wachsen die meisten von uns mit der Idee auf, dass wir mit denselben Handlungen auch dieselben Ergebnisse erzielen.

Stell dir mal jemanden vor, der Geld in einen Spielautomaten wirft. Nennen wir ihn Udo. Udo wirft fünfmal hintereinander einen Euro in den Schlitz und drückt einen großen roten Knopf. Plötzlich blinken die Lichter auf und Udo jubelt. Er hat soeben fünfzig Euro gewonnen. Jetzt könnte er sich freuen, denn er hat seinen Einsatz verzehnfacht. Aber Udo hat noch nicht genug. Er weiß jetzt, dass der Automat Geld gibt. So wirft er weiter Münzen nach, bis schließlich sein ganzer Gewinn vom Automaten gefressen wurde. Vielleicht geht Udo dann frustriert nach Hause. Vielleicht spielt er auch mit anderem Geld weiter.

Ziemlich verrückt oder?

Aber ich glaube, die meisten Menschen kennen dieses Gefühl: Du hast etwas erlebt, das dich mit Freude erfüllt hat. Vielleicht war es beim Glücksspiel, vielleicht beim Essen eines Stückes Käsekuchen, vielleicht in einer Liebesbeziehung. Dieses Gefühl war so schön, dass du es wieder erleben willst. Deshalb tust du genau das, was du in dem Moment getan hast, als es passiert ist. Doch funktioniert es auch?

Meiner Erfahrung nach wird die Freude immer schwächer, je mehr wir sie an Bedingungen knüpfen. Wenn ich denke, dass mich dieses zweite Stück Käsekuchen genauso glücklich machen muss wie das erste, dann wird es genau das nicht tun. Unser Verstand trickst uns vielleicht aus, holt alte Erinnerungen hoch oder findet Gründe, warum es uns eigentlich gut schmecken müsste. Aber wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, wollen wir vielleicht gar keinen Kuchen, sondern etwas völlig anderes. Vielleicht ist uns simpel nach einem Glas Wasser. Oder wir wünschen uns, in der Sonne zu sitzen und nichts zu tun.

In unserer Gesellschaft gibt es viele Angebote, die uns Glück versprechen. Fast-Food-Ketten und Mode-Labels werben mit einem bestimmten Image. Ja, selbst Zigarettenrauch sorgt laut zahlreichen Plakaten für ein befreites Gefühl. „Iss mich, kauf mich, konsumier mich!“, ruft es einem überall entgegen. Die meisten Menschen machen sich nur nicht bewusst, dass das versprochene Gefühl ausbleibt. Damit wir das nicht bemerken, konsumieren wir entweder mehr oder tricksen uns selbst mit den passenden Gedanken aus. Dabei wissen wir selbst, welche Geschichte wir uns erzählen müssen, damit wir auch glauben, dass es der Konsum ist, der uns glücklich macht.

So kann es auch in Liebesbeziehungen und Freundschaften gehen. Wieviele Menschen teilen wertvolle Lebenszeit miteinander, weil sie eigentlich darauf hoffen, dass sich die schöne Anfangszeit irgendwann wiederholt? Und wieviele Menschen spüren insgeheim, dass sie sich anöden, dass sich eigentlich etwas verändern müsste?

Ich glaube, die Lösung ist nicht, den Konsum komplett abzustellen oder Beziehungen abzubrechen. Auch da können wir in blinden Aktionismus verfallen. Außerdem gibt es auch für Konsum-Aussteiger einen gut florierenden Markt. Vielleicht hast du auch schon einmal ein Yoga- oder Meditations-Seminar besucht und warst danach eigentlich nur noch frustrierter, weil du diese wunderbare Atmosphäre nicht in den Alltag holen konntest – und das, obwohl du vielleicht sogar dieselben Übungen gemacht hast.

Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie. Selbst mit Meditation können wir uns stressen, wenn wir uns unter den Druck setzen, damit etwas Bestimmtes erreichen zu müssen. Wenn wir uns aber daran erinnern, was uns wirklich Freude bereitet, ist es vielleicht nicht das Stück Kuchen selbst. Vielleicht ist es die Herzlichkeit, mit der es serviert wurde. Vielleicht ist es die Überraschung, weil wir damit gar nicht gerechnet haben. Vielleicht freuen wir uns an der Gesellschaft lieber Menschen.

Vor allem aber entsteht Freude, wenn wir im Hier und Jetzt sind. Solange ich nur mein Ziel vor Augen habe, genieße ich nicht den Moment. Jetzt ist die Zeit, wo das Leben stattfindet.

_______________________________

Photo by Chinh Le Duc on Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.