Das Ende der Psistaf’na

„Wir kommen von den Sternen“, sprach der Tsofetse. Er sprach wahr. Alle wussten es. Ehrfürchtig blickten sie in den Himmel, wo erneut die vielen Punkte aufleuchteten, ungezählt wie die Blätter des Großen Waldes. „Und eines Tages werden wir zurückkehren“ Das Volk zischte zustimmend. Sie kannten das Lied vom Silbernen Regen, der vor langer Zeit den Großen Wald und das Baumvolk der Psistaf’na hervorgebracht hatte. „Vielleicht schon bald.“
Ein junger Sefate, der gerade einmal siebzig Regenzeiten erlebt haben mochte, erhob sich von seinem Ast. „Mögen uns Wasser und Sonne genug sein, mein Stamm“, begann er. „Wir sind in Sorge. Unsere Augen sehen die Sterne, doch die Sterne verändern sich. Es ist wie ein Feuer, das sich auf dem Himmelszelt ausbreitet. Wir fürchten, der Himmel könnte uns seine Gnade entziehen. Tsofetse, der Ihr so vieles wisst, was haben diese Zeichen zu bedeuten?“
Der Alte schloss seine Augen und atmete, so dass es klang wie das Rascheln in den Wipfeln um sie herum. Seine Hand lag auf dem Stamm des Großen Baumes. Er konnte die Zeichen lesen wie sonst keiner von ihnen. Er war Sehokedi. Er blickte weit und tief. Schließlich gab er Antwort: „Mein Stamm, ich sehe unsere Sorge. Sie dringt von den tiefsten Wurzeln bis in jedes Blatt. Und doch, dieser Wald ist alt und der Himmel uns gnädig. So war es und so wird es immer sein“
„Mögen die Früchte unserem Stamm reich gedeihen. Doch wir fürchten uns vor dem Feuer“ Besorgtes Rauschen ging durch die Äste, auf denen hunderte vom Volk saßen. „Als ich noch Shu’shi war, so sagen die Lieder, fiel einst Feuer vom Himmel. Viele sind damals zu den Sternen gegangen. Wäre nicht der Regen gekommen, der Wald wäre zu Asche geworden. Sh’en lest. Es ist wahr.“
„So hat uns der Himmel mit seinem Regen vor Unheil bewahrt, wie du sprichst“ Der Alte blickte den Sefate ernst an. „Was lässt uns zweifeln, es könnte jemals anders sein?“ Der Sefate senkte den Blick, zitterte jedoch vor Anspannung. „Wir kennen dich, Sefate, wir kennen dich gut. Segen sei deinem Stamm und deinem Spross“, sprach ruhig der Tsofetse. „Dein Saft ist noch grün und manch junger Baum schnellt in die Höhe, um rasch die Sonne zu sehen. Doch das Gesetz von Allem verlangt, dass es für Größe auch starke Wurzeln braucht. Willst du verleugnen, was deine Wurzeln sind?“
Immer noch den Blick gesenkt, entgegnete der Sefate: „Ich ehre unsere Wurzeln, mögen sie stets genug Wasser finden. Doch hört meinen Traum, den ich träumte vergangenen Tag“ Das Volk raunte erneut in seiner zischenden Sprache. Nur die ältesten Bäume träumten sonst. Und ein Traum war oft wahr. „Ich träumte von Zeichen am Himmel. Ich träumte, dass Feuer vom Himmel regnete und es gab hierauf kein Wasser“
Der Tsofetse versuchte, den Jungen mit einer Geste zum Schweigen zu bringen. Doch dieser sprach weiter. „Hört mich an, mein Stamm, es regnete Feuer vom Himmel und nichts kam dem Wald zur Rettung. Ich träumte von einem großen Brand, der nichts als Glut und Asche hinterließ. Der Große Grüne breitete seine Flügel aus und floh. Es war nichts zu hoffen. Nur die Felsen waren sicher“
Die Haut des Tsofetse wechselte zu einem tiefdunklen Grün. Seine Augen funkelten. „Sprich nicht weiter, du falscher Zwilling! So bringst du Verderben über unseren Stamm, mögen seine Blätter stets grün sein! Hat die Sagung wohl falsch gesprochen und den guten Teil von uns auf die Erde geschickt, statt dich, der du solches Geschwätz verbreitest. So etwas hat es nie gegeben. Wir kommen von den Sternen und zu den Sternen werden wir zurückkehren eines Tages. Sh’en lest.“
Der Sefate blickte sich um. Viele funkelten ihn böse an, verletzte er doch das Gesetz von Allem. Niemand durfte gegen den Himmel sprechen. Denn der Himmel gab und nahm und immer zum Wohle des Volkes. Wer das bezweifelte, beschwor seinen Zorn herauf und gefährdete den Stamm. Doch es gab auch die anderen, die mit dem Sefate zweifelten. Denn er war nicht der Einzige, der am letzten Tag geträumt hatte. Schweigend stand er da. Er wusste, er hatte eine Grenze überschritten. Und das nächste, was er tun konnte, war Lehlat’sipa, das Opfer. Alle wussten es. Es war wahr.
Der Sefate ging nicht allein. Erst war es nur einer, der folgte. Dann noch einer. Schließlich war es ein ganzes Dutzend. Der Tsofetse blickt besorgt hinterher, doch auch er wusste, dass es der Ordnung diente. Die Gruppe kletterte hinab bis an die untersten Äste. Dort war der Grund ganz nah. Die Erde, aus deren Tiefe das Wasser für ihren Stamm kam. Doch direkt am Boden war der gefährlichste Ort. Nur wenige waren dabei, als die Gruppe Ausgestoßener hinabsprang. Hinab in den Tod. Gleich darauf waren auch die Zuschauer verschwunden, um dem Volk zu berichten.

Doch sie starben nicht, als einzige ihres Volkes. Als der Feuerregen kam, lagen sie bebend in den Höhlen von Ho’taka. Während der Wald niederbrannte und der Große Grüne sein gewaltiges Brüllen erklingen ließ, weinten sie mit ihm. Viele Tage noch sah man das Glühen und der Rauch erstickte den Atem. Bald darauf vergingen auch die letzten der Psistafna. Doch die Wüste sollte ihren Namen erhalten, um an das Volk zu erinnern, das davon geträumt hatte, zu den Sternen zu fahren.

Am Tag des Feuerregens rannte eine Welle durch die Erde, so gewaltig, dass sie auf der anderen Seite der Kruste Wasser auftürmte und über Küsten schwemmte, wodurch viele vom Volk der Menschen ertranken. Das war noch dreihundert Jahre vor der Erweckung.

Diese Erzählung entstand zur Vorbereitung auf meinen neuen Roman „Wege eines Narren“, einem Prequel zu „Niut Pet, die Himmelstadt

Beitragsbild von @ogmpango auf Unsplash.com

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