Der König ohne Krone (Märchen)

Es war einmal ein König, der regierte ein großes Reich. Und weil es so groß war, kamen Tag um Tag Botschafter aus allen Teilen des Landes, um ihm von den Zuständen da und dort zu berichten. Mit ihnen kamen Marktleute, die herrliche Speisen anboten, Gaukler, Musiker und Spielleute, die den König unterhielten und ihm Geschichten aus der Ferne erzählten.

Eines Tages war der König müde geworden, jeden Tag die Klagen und Bitten der Botschafter anzuhören. Er empfand es als Plage, ständig anderer Leute Probleme lösen zu müssen. Also verfügte er, die Botschafter vor dem Thronsaal abzuweisen. Eine Zeit lang ging das gut. Doch die Botschafter waren einen weiten Weg gekommen. Sie wollten nicht abreisen, ehe sie vom König gehört worden wären.

Also fanden sie Wege, doch noch vor den König zu kommen. Wenn er seinen täglichen Spaziergang durch den Schlosspark unternahm, kamen sie hinter den Hecken hervor. Manch einer unternahm den Versuch, durch das Fenster in den Thronsaal einzudringen. Nachts standen sie vor dem Schloss und riefen so laut ihre Kunde, dass niemand ein Auge zutun konnte.

Der König wurde wütend. In seiner Verzweiflung ließ er das Schloss für jedermann versperren, der es betreten wollte. Soldaten hielten Tag und Nacht Wache und gingen hart gegen jeden vor, der wagte des Königs Ruhe zu stören. Der König genoss nun sein Leben, spazierte fröhlich durch den Schlosspark und tanzte zuweilen durch den leeren Thronsaal.

Bald bemerkte er, dass es verdächtig still war im Schloss. Die Botschafter waren fort. Aber es fehlten auch all die anderen: Gaukler, Musiker, Spiel- und Marktleute, die dem König sonst so eine Freude gemacht hatten. Der König fragte seine Bediensteten, ob sie einen der Spaßmacher gesehen hätten oder einen Händler mit den köstlichen Speisen von weit her? Sie antworteten: „Herr, sie stehen alle vor den Toren. Die Soldaten wehren sie ab, weil sie glauben, es könnten sich Botschafter darunter verstecken. Ihr selbst habt es so verfügt“ Der König blickte aus dem Fenster. Und tatsächlich: Dort waren sie alle versammelt. Die ungeliebten Botschafter, wie auch die so geliebten und vermissten.

Der König dachte lange nach, was zu tun wäre. Eines nachts, da träumte er einen seltsamen Traum:

Er sah sich wie jeden Tag in den großen Spiegel blicken, der in seinem Schlafgemach stand. Da fiel ihm auf, dass er keine Krone trug. Schnell schickte er einen Diener, sie ihm zu bringen. Doch der Diener konnte sie nicht finden. Nun ließ der König das ganze Schloss absuchen – vergebens. Seine Krone war verschwunden.

Dann war es ihm, als würde er in die Höhe gehoben. Der König ohne Krone schwebte über dem Schloss und konnte das weite Land überblicken. Wälder und Felder waren schwarz wie von Pech. Das verwunderte den König und er fragte sich: „Was mag das wohl bedeuten?“ Eine Stimme antwortete: „Das Land verdorrt, weil Ihr Eure Krone verloren habt“

Wie vom Wind getragen flog der König über sein Reich und gelangte bald in einen Teil, in dem lautes Klagen und Weinen zu hören war. Abermals frage der König sich: „Was mag das wohl bedeuten?“ Und die Stimme antwortete: „Das Land ist krank, weil Ihr Eure Krone verloren habt“

Dem König war mulmig zumute. Weiter flog er über die Wälder und Felder, begleitet vom Wehklagen der Menschen. In der Ferne sah er einen roten Schein. Der Schein kam näher und bald erkannte der König dichten schwarzen Rauch, der den Himmel verdunkelte. Asche regnete auf das Land. Der König musste husten und rieb sich die Augen. Sengende Hitze brüllte ihm entgegen, als hätte die Hölle selbst sich geöffnet. Mit letzter Kraft fragte der König: „Was mag das wohl bedeuten?“ Eine Stimme antwortete: „Das Land brennt, weil Ihr Eure Krone verloren habt“

Da stürzte der König aus dem Himmel direkt hinein in die Glut.

Als der König voller Angst erwachte, blickte er sogleich auf den Nachttisch neben seinem Bett. Dort lag seine Krone an ihrem Platz wie immer. Der König betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal. An diesem Morgen wurde ihm klar: Er war der König und dies sein Reich. Voller Ehrfurcht nahm er die Krone vom Nachttisch und setzte sie sich auf sein Haupt. Gleich darauf ging er in den Thronsaal und ließ die Tore weit öffnen.

Von da an regierte er weise, gütig und gerecht. Er hörte die Botschafter an und manchmal löste sich das Problem allein dadurch, dass er aufmerksam lauschte. Auch die Gaukler, Spiel- und Markleute kehrten zurück, sodass es eine wahre Freude war. Einmal in der Woche nahm der König sich frei, um in seinem Schlossgarten zu spazieren oder im leeren Thronsaal zu tanzen. Niemand störte ihn dabei, denn jedermann wusste, dass er am nächsten Tag sicher gehört werden würde.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute glücklich und zufrieden als Diener seines Reiches.


Beitragsbild von VED auf Unsplash.com

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