Von Verrückten und Helden

Ich möchte dir heute eins meiner Lieblings-Bücher vorstellen, das zu den absoluten Klassikern gehört. Wir alle kennen das Sprichwort vom Kampf gegen Windmühlen. Und doch ist das nur eines der ersten Abenteuer des vielgerühmten Don Quijote von der Mancha. Miguel de Cervantes schrieb dieses Meisterwerk vor über vierhundert Jahren. Kaum zu glauben, dass es schon damals eine richtige Fangemeinde für Fantasy-Literatur gab. Damals ging es um Rittergeschichten, in denen Artus, Lancelot und Co. als echte Helden auftraten. Sie waren gewissermaßen wie die Avengers heute, hatten allerlei Superkräfte, wundersame Technologie und oftmals auch Unterstützung von höheren Mächten.

Die Geschichte um den tatterigen Möchtegern-Ritter Don Quijote begann  als Parodie. Cervantes zieht im ersten Band ordentlich über die Buch-Süchtigen her, die seiner Ansicht nach so sehr in ihrer Fantasie gefangen sind, dass sie die Realität kaum noch wahrnehmen. Don Quijote dient als schlechtes Beispiel. Der Landadelige, der eigentlich Alonso Quijano heißt, hat so viele Ritterbücher konsumiert, dass er sich selbst berufen sieht, in die Welt hinaus zu ziehen und Abenteuer zu erleben. Er gibt sich den Namen Don Quijote, zieht sich eine alte rostige Rüstung samt Papphelm an und besteigt seinen Klappergaul Rosinante, um die Welt im Namen Gottes von Ungeheuern und Ungerechtigkeit zu befreien. Als Knappe dient ihm Sancho Pansa, ein Bauer aus der Gegend, der sich von Don Quijote die Statthalterschaft über eine Insul erhofft – wobei er selbst nicht wirklich weiß, was das ist.

Don Quijote ist verrückt, das wird immer wieder klar. Das berühmteste Abenteuer ist das mit den Windmühlen, die er für verzauberte Riesen hält und mit der Lanze gegen sie anrennt – was am Ende mit vielen blauen Flecken für den fahrenden Ritter endet. Überhaupt handelt er sich ständig Ärger ein, den Sancho oft genug ausbaden muss. Die beiden sind ein ungleiches Duo: Don Quijote der magere, geradezu asketisch lebende Intellektuelle, der gleichzeitig immer bereit zum Kampf ist und Sancho Pansa, der gemütliche, dicke, einfältige und dennoch sehr herzliche Begleiter, der seinem Herrn in jedes Schlamassel folgt. Und das sogar als er erkennt, dass Don Quijote tatsächlich verrückt ist.

Doch was bedeutet das eigentlich, verrückt sein? In diesem Falle ist der ehemalige Alonso Quijano ver-rückt aus seinem früheren Leben. Hatte er ganz bequem auf seinem Anwesen gelebt und den lieben langen Tag Bücher verschlungen, zieht er nun durch die Welt, ist Wind und Wetter ausgesetzt, schläft kaum, begnügt sich mit kargen Mahlzeiten und muss so mancher Gefahr trotzen – ausgedachten, aber auch sehr reellen. Das ist es, was den Roman für mich so interessant macht: Don Quijote spielt den fahrenden Ritter mit vollem Ernst und Leidenschaft, bis… naja, das Ende mag ich an dieser Stelle nicht verraten 😉 Dieser Mann weiß, was seine Werte sind. Er folgt dem Pfad seiner Helden, der großen Ritter der alten Zeit.

Auf diesem Weg richtet er eine Menge Unheil an. Klar, er ist immer noch verrückt und vermutet hinter jeder Ecke einen Zauberer, der ihm Böses will. Gleichzeitig zeigt er den Menschen, wie wahre Ritterlichkeit aussehen kann. Er benimmt sich höflich gegenüber der Damenwelt, kann sehr klar sein, sowohl mit Worten, als auch mit dem Schwert. Ja, tatsächlich fällt auch den größten Kritikern immer wieder auf, wie intelligent dieser Mann eigentlich ist.

Was mich aber vor allem beeindruckt hat, ist der ungeheure Mut, den dieser Mann aufbringt. Wirklich kräftig ist er nicht, aber er hält sich dafür. Mit diesem festen Glauben und seiner Neugierde schafft er es, wirkliche Abenteuer zu erleben. Meist hat er eine Menge Glück, bzw. den treuen Sancho an seiner Seite, der ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Aber Sancho seinerseits hätte auch nicht so viel erlebt, geschweige denn gelernt, wenn er nicht seinen Herrn bei sich gehabt hätte.

Man kann jetzt natürlich die Überlegung anstellen, wer verrückter sei – der paranoide Anti-Held oder derjenige, der ihm folgt, obwohl er weiß, dass dieser verrückt ist. Viel mehr interessiert mich aber, was wir von Don Quijote lernen können. Und für mich ist das, sich einer Sache so richtig hinzugeben. Auch, wenns erstmal verrückt klingen mag. So viele Menschen, die Großes geschaffen haben, haben außerhalb der Norm gedacht. Natürlich macht es Sinn, die eigenen Vorstellungen mal mit der Realität abzugleichen. Aber wenn Don Quijote als alter Tattergreis in Schlachten gegen Riesen, Zauberer und Drachen ziehen kann, dann kann jede*r von uns auch noch so viel mehr, als wir bisher von uns selber glauben.


Credit: Das Bild im Rahmen oben stammt von Aaron Art Malaga.

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