Schöne Unbekannte

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Da stehe ich schon wieder vor dem selben Problem. Ich kann es spüren, wie es an mir heraufkrabbelt und in meinem Nacken kribbelt, mir in die Ohren kriecht und leise sagt, dass es ein alter Bekannter ist; im Gegensatz zu der schönen Unbekannten, die mir gegenüber sitzt im Regionalexpress, der, schon gut gefüllt so wie mein Kopf nach einem Arbeitstag, mich und sich eigentlich nur nach Hause fahren möchte; doch dann kam diese Frau dazwischen.

Sie scheint müde zu sein wie ich und schließt gelegentlich die Augen, so dass ich sie mit einem Blick erhaschen kann; nicht nur aus dem Augenwinkel, sondern über Linse und Netzhaut die Strukturen ihres Gesichts erfassen kann um zu befinden: Ja, diese Frau ist schön.

„Los, sprich sie an!“, klingelt es da in meinem Kopf, doch gleich klopft mein alter Bekannter an, der in meinem rechten Ohr sitzt und mir zu verstehen gibt, dass wir diesen inneren Konflikt doch schon tausend Mal durchgekaut haben. Tausend Mal gedacht, tausend Mal hats nichts gebracht, also warum gerade jetzt?
„Das mag sein mit den tausend Mal, aber das ist Vergangenheit. Ich bin jetzt mehr als früher, besser, mutiger. Auf den Versuch kommt es an.“
„Versuch, Versuch…“ Mein alter Bekannter schüttelt den Kopf. „Versucht hast dus nie und bist selbst am Versuch des Versuches gescheitert. Wie solls denn dann weiter gehen? Was willst du sagen, was willst du sie fragen ohne dich aufzudrängen, das arme müde Mädchen in ein Gespräch zu zwängen, wo sie doch nur schlafen will?“
„Haha, ich habe dich erwischt!“, triumphiert die zweite Stimme. „Das Mädchen mag müde sein, aber nur weil die Umgebung sie langweilt; weil da niemand ist, der mit ihr spricht.“

Mein alter Bekannter lächelt mild, verstehend. Er ist schon so lange mein Begleiter und scheint mich am besten zu kennen, doch noch eher er etwas erwidern kann melde ich mich selbst zu Wort: „Nun hört aber mal auf, ihr beiden! Einer ist schlimmer als der andere und die Zeit, die ihr mit der Theorie verbringt, kann ich schon in die Praxis investieren. Was bringt das Lamentieren, wenn der Alte am Ende immer Recht behält?“ Schuldbewusst und auf frischer Tat ertappt blicken sich die beiden an und verpuffen in einer Denkwolke.

„Hallo.“, sage ich laut, vielleicht nicht laut genug, weshalb ich es noch einmal wiederhole und in Richtung der Unbekannten mir gegenüber schaue, die erst ein Auge öffnet, dann das zweite, bis sie gewahr wird, dass ich sie meine. Ihr Blick wirkt irritiert. Wann mag ihr das zuletzt passiert sein; von einem Fremden in der Bahn angesprochen zu werden, noch dazu aus einem friedlichen Halbschlaf gerissen? Mein Gewissen bereitet mir Kopfzerbrechen, doch ich tröste mich, dass ich sowieso in wenigen Minuten das Weite suchen kann, wenn der Zug den Bahnhof erreicht hat.

Doch zu meinem Verwundern erwidert die Angesprochene mein unsicheres Lächeln und auch mein „Hallo“.
„Tut mir leid, wenn ich dich störe…“, beginne ich mein schlechtes Gewissen nach außen zu tragen und ohrfeige mich innerlich dafür. Verlegen verbringe ich wenige Sekunden, bevor ich mich sagen höre: „Du bist die Erste.“
Das folgende Schweigen beantwortet die Unbekannte mit einem fragenden Stirn-runzeln, weshalb ich hinzusetze: „Ich meine, du bist das erste Mädchen, das ich mich anzusprechen traue.“

Sie lächelt und fragt, ob sie das als Kompliment verstehen darf und ich sage „Ja, das darfst du.“ Sie sagt, ich sei nett, doch sie müsse in Essen raus; ob ich eine Idee hätte, wo und wann wir die Konversation fortsetzen könnten. Ich lächle und erkläre, das träfe sich gut, lade sie auf einen Kaffee ein oder was es sonst sein dürfe und das gern sofort.

Die schöne Unbekannte scheint sichtlich interessiert, was ich ihr noch zu sagen hätte oder sie mir oder wir uns im Allgemeinen und im Besonderen, also folgt sie mir hinaus aus dem Zug und hinein ins Café, wo ich ihr in die Augen sehe und befinde: Ja, diese Frau ist schön.

Dann muss ich blinzeln und finde mich auf dem Bahnsteig wieder, wo wir gerade doch gemeinsam oder ich oder sie… Nein, ich stehe wieder vor dem selben Problem: Die schöne Unbekannte sitzt in der Bahn, die gerade abfährt, vermutlich noch die Augen geschlossen, weil niemand sie gestört hat in ihrer Ruhe. Mein alter Bekannter klettert aus dem Ohr und auf meine Schulter.
„Mach dir nichts draus. Wenn dein Tag kommt, bin ich weg. Solange nimm es, wie es ist. Du bist schließlich Optimist.“

„Du hast gut reden.“, gebe ich zurück, doch lächele im nächsten Augenblick. Mein alter Bekannter gehört zu mir; und auch wenn er mich irgendwann verlässt, so bleibt er bis dahin doch mein Freund. Und wie wir so gemeinsam den Bahnhof verlassen wollen, sieht mich da plötzlich eine schöne Unbekannte an, schubst meinen alten Bekannten von der Schulter und sagt: „Hallo.“


Dieser Text entstand im Jahr 2014. Beitragsbild von Sehee Park auf Unsplash.com.

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