Schnapspralinen

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Schokolade ist wichtig; vor allem, wenn man keinen Kaffee trinkt. Wenn ich Nachtwache habe, ist etwas Süßes ein Muss, um meinen Zuckerspiegel und damit meine Konzentration oben zu halten. Blöd nur, wenn ich vergessen habe, Schokolade mitzunehmen.

Gut, dass die netten Damen im Altenheim so großzügig sind. Fast jede Bewohnerin hat irgendwo Schokolade liegen und bietet sie mir an. „Nehmen Sie sich gleich zwei.“, meint die eine und lächelt. In jedem zweiten Zimmer füllt man mir die Taschen und nach meiner ersten Runde durch das Haus habe ich einen schönen Vorrat an Pralinen zusammen: Schnapspralinen.

Aus irgendeinem Grund fahren alte Leute total auf Schnapspralinen ab. Ich frage mich ja, woran das liegt. Klar, Alkohol ist weit verbreitet und jeder trinkt doch mal. Aber warum gerade Kirschwasser in Zartbitter-Schokolade? Ich habe dazu eine Theorie. Die Feinmotorik nimmt im Alter ab, was einerseits dazu führt, dass man sich nicht so einfach ein Gläschen einschenken kann, andererseits dieses Glas auch nicht immer ohne Verschütten zum Mund bekommt. Um also in den Genuss eines Schlückchens Hochprozentiges zu kommen, greift man auf die ummantelte Version zurück.

Manchmal brauchen die alten Damen Hilfe beim Öffnen der Schachtel; das geschieht durch Verbündete, die mit einer Beteiligung am Schatz zum Schweigen gebracht werden. Sobald die Packung einmal überwunden ist, gibt es kein Halten mehr. Bis zum Vollrausch wird Schokolade gefuttert.

Ich male mir die Szenerie aus, während ich mir die dritte Kirschwasser-Bombe gönne: Wenn alles dunkel wird, kramen die alten Leute ihre Schnapspralinen heraus. Aber warum sollte es bei Schnapspralinen bleiben? Es gibt noch andere Süßigkeiten, die fröhlich machen. Haschkekse zum Beispiel. Von alten Damen weiß man ja, dass sie gut backen können. Warum also nicht auch Haschkekse? Vielleicht passen einige sogar die Zeiten ab, in denen ich meine Rundgänge mache und schleichen sich heimlich in die Küche, um ihr Backwerk zu vollbringen. Dann treffen sie sich leise kichernd in ihren Zimmern und haben eine fröhliche Nacht.

„Pssst, er kommt, alle auf die Zimmer!“, gibt der Wachposten vor der Tür den anderen zu verstehen. Man kann nur jemanden mit guten Ohren als Wachposten aufstellen; alles andere hat keinen Zweck. Mit Rollatoren und Gehstöcken schleichen die Bewohner über den Flur und schließen ihre Türen meist schnell genug, bevor ich um die Ecke komme. Manchmal schicken sie auch jemanden als Ablenkungsmanöver. Ich schreibe dann im Bericht, dass die alte Dame schon wieder zeitlich desorientiert ist und die ganze Nacht über den Flur läuft, weil sie meint, dass es schon morgens ist. Aber weit gefehlt – das ist alles Teil eines Plans, um mich glauben zu lassen, alles wäre normal.
Wenn ich dann in die Zimmer schaue, liegen die Bewohner scheinbar schlafend in ihren Betten. Am nächsten Morgen schauen sie mich müde an und sagen mir, sie hätten kein Auge zugemacht. Dann kriegen sie von mir ein paar nette Worte und ich bekomme noch eine Schnapspraline für den Heimweg.


Diese Kurzgeschichte entstand am 04.10.2014 und ist eine von zwei Bonus-Geschichten in der Neuauflage vom Dementen Vampir. Beitragsbild von Alex Harvey auf Unsplash.com

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