Von Burnout und Wert-Arbeit

Ich stehe im Krankenhaus vor den Infusions-Flaschen und weiß nicht mehr weiter. Eigentlich sollte ich den Ablauf kennen. Schließlich löse ich sonst jeden Tag Antibiotika auf. Liegt es daran, dass gestern mein Opa beerdigt worden ist? Nein, das berührt mich nicht. Eigentlich berührt mich nichts in letzter Zeit.

Ich verdränge den Gedanken. Mühsam erinnere ich mich an den Ablauf. Ich fühle mich, als würde ich mich durch Sirup bewegen. Ich komme nicht hinterher und muss mich stark konzentrieren, um keinen Fehler zu machen. Ab und zu blitzt der Gedanke auf, dass ich so nicht arbeiten darf. Ich gefährde meine Patienten. Aber ich schäme mich davor, meine Schwäche zuzugeben. Was sollen denn meine Kolleg*innen von mir halten? Oder meine Chefin? Ich kann die doch jetzt nicht hängenlassen!

Später schicken meine Kolleg*innen mich nach Hause. Sie merken, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich solle mich ausruhen. Erst wehre ich mich dagegen, denn ich fürchte, dass mir dadurch Konsequenzen drohen, wenn ich meinen Arbeitsplatz früher verlasse. Erst, als sie mir versichern, dass sie niemandem etwas verraten, willige ich ein.

Auf dem Nachhauseweg merke ich, wie etwas in meiner Brust rebelliert. Dort, wo ich noch kurze Zeit vorher einen Schmerz gespürt habe und dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. Wie ein verletztes Tier bäumt sich etwas in mir auf und schreit nach Hilfe. Ich kann es nicht länger ignorieren.

Die letzten Monate waren ganz schön stressig gewesen. Teilweise hundertneunzig Stunden Arbeit im Krankenhaus unter der Woche, an meinen freien Wochenenden Theater-Proben, Verpflichtungen ohne Ende. Dazu kam noch meine Freundin, die sich immer wieder darüber beklagte, dass ich zu wenig Zeit hätte. Ich wollte allen gerecht werden und hatte mich selbst darüber vergessen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war es undenkbar für mich, irgendetwas anders zu machen.

Burnout ist ein schleichender Prozess. Und ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Weg nicht bis zum Ende gehen musste, bevor ich aufgewacht bin. Mir reichten schon die Erinnerungslücken und die körperlichen Beschwerden. Dabei wird selten erzählt, was die Ursachen von Burnout sind.

Wir brennen nicht aus, weil wir zu viel arbeiten. Das ist ein häufiges Missverständnis. Als Kind konnte ich den ganzen Tag Lego spielen, später hing ich bestimmt zehn Stunden am Tag an meinem Gameboy. Kein Zeichen von Überlastung. Der Unterschied ist, dass ein spielendes Kind ziemlich genau weiß, was es will und was nicht. Und das kann es in der Regel auch gut ausdrücken.

Unser Arbeits- und Schulsystem ist darauf ausgelegt, dass wir tun, was andere von uns wollen. Unsere natürliche Unterscheidungskraft wird uns aberzogen. Dadurch arbeiten wir in Jobs, die uns nicht erfüllen und sind mit Partner*innen zusammen, die uns nicht gut tun. Wir können den Schein eine Zeit lang aufrecht erhalten, dass ja eigentlich alles okay ist. Dass wir ja irgendetwas arbeiten müssen, um Geld zu verdienen. Oder um unsere Lieben zu beeindrucken. Aber wenn wir dadurch gegen unsere Werte arbeiten, schaden wir uns selbst auf Dauer.

An diesem Tag, als meine Kolleg*innen mich nach Hause geschickt haben, bekam ich das erste Mal wieder Kontakt mit mir. Etwas in mir war zutiefst verletzt, weil ich es solange missachtet hatte. Ich spürte den Schmerz am Anfang nur wie aus der Ferne. An diesem Tag entschied ich mich, etwas zu ändern.

Jetzt könnte ich erzählen, wie einfach ich mein Leben rumgedreht habe. Die Wahrheit ist aber, dass ich ordentlich mit meinem inneren Schweinehund zu kämpfen hatte. Und der meldet sich auch heute noch. In mir gab es und gibt es diese Kampfmaschine, die immer weiter machen will. Auch, wenn es weh tut. Gerade, wenn es weh tut. Denn ich will beweisen, dass ich stärker bin als der Schmerz. Ich glaube, jede*r von uns kennt diese Verhaltensmuster, die uns selbst schaden, die wir aber aus Gewohnheit nicht ablegen wollen. So war es auch mit dem Arbeitswahn.

Dennoch habe ich einige wichtige Entscheidungen gefällt. Wenn man einmal die Konsequenzen bewusst wahrgenommen hat, fällt es immer mehr auf. Also habe ich mir erst einmal mehrere Wochen Urlaub genommen. Überstunden hatte ich ja mehr als genug gesammelt. Außerdem habe ich mal alle Projekte aufgeschrieben, an denen ich mehr oder weniger beteiligt gewesen war. Das waren eine Menge! Die Liste habe ich dann auf eine Handvoll Dinge eingedampft, die mir wirklich wichtig waren. Meine Stelle habe ich reduziert und bin auf der Arbeit deutlich gelassener geworden. Nach dem Motto: Ich hab auch nur zwei Hände und zwei Füße.

Früher hätte ich das für total egoistisch gehalten. Das ist es auch auf eine Art. Aber sehr gesund. Denn wie soll ich anderen helfen, wenn ich nicht einmal für mich selbst gut sorge? Jetzt frage ich mich immer häufiger: Will ich das wirklich? Sowohl auf der Arbeit als auch privat. Ich nehme mir Pausen, auch wenn die Kampfmaschine in mir weiter hetzen will. Gerade dann. Bevor ich jemandem eine Zusage für ein Projekt gebe, denke ich darüber nach, ob ich mir das in mein Leben holen will. Und ich helfe mittlerweile anderen Menschen, sich darüber klar zu werden, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Das erfüllt mich mit Freude und schenkt mir mehr Energie, als es verbraucht. Dafür brenne ich, aber nicht aus.

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