Die Wochenend-Lüge

An einem Freitag bekam ich ein Video, das mich traurig gemacht hat – obwohl es vor fröhlichen Animationen nur so strotzte. Tanzende Figuren und Schriftzüge flogen durcheinander, um das Wochenende zu preisen. Als käme der Messias persönlich vorbei und entließe die arbeitende Bevölkerung aus ihrer Knechtschaft. „Möge das Wochenende nie vorbei gehen!“ las ich. Und schüttelte verwundert den Kopf.

An diesem Beispiel wurde mir klar, dass wir auch hier in einer Illusion leben. Wir sprechen von Feier-Abend und Wochen-Ende, ohne zu wissen, was hinter diesen Begriffen steckt. Lassen Sie uns mal gemeinsam hinschauen.

Was feiern wir eigentlich am Feier-Abend?

Die meisten Menschen, mit denen ich bisher geredet haben, sind froh, endlich von ihrem Job loszukommen. Sie feiern, für ein paar Stunden die Füße hochlegen zu können, bevor sie wieder ins Bett müssen. In die Frei-Zeit (auch so ein Begriff) fallen dann noch die Sachen, die wir während der Arbeitszeit nicht erledigen konnten: Haushalt, Einkaufen, Papierkram und so weiter. Wir leben in der Illusion, dass die Arbeit uns von den eigentlich wichtigen Dingen unseres Lebens abhält. Wir würden gern mehr Zeit mit unseren Liebsten verbringen, mehr Sport machen oder unseren Hobbys nachgehen. Aber wir müssen ja auch Geld verdienen.

Die größte Illusion am Feier-Abend ist vielleicht die, dass die Zeit im Job nicht wert ist, gefeiert zu werden. Wir finden es verwerflich, mit dem, was wir lieben, Geld zu verdienen. Oder das zu lieben, was uns Geld bringt. Wie wäre es stattdessen, zum Feier-Abend die Erfolge des Tages Revue passieren zu lassen? Wenn wir nochmal reflektieren, was für tolle Begegnungen wir hatten? Wenn wir innerlich den Menschen danken, die uns begleitet und unterstützt haben? Und dabei nicht vergessen, dass es auch Herausforderungen gab. Dass wir manche Dinge nicht hinbekommen haben, weil zu wenig Zeit da war oder die Mittel nicht ausgereicht haben. Auch das können wir (mit einem Augenzwinkern) feiern. Denn sind es nicht gerade die Herausforderungen, die einen Job so spannend machen? Die uns zeigen, was wir können? Was wir gelernt haben? Oder wo wir noch Potenzial haben, uns zu entwickeln?

Schauen wir weiter aufs Wochen-Ende.

Dieser Begriff ist so irreführend, weil die Zeit da ja nicht endet. Wer kennt es nicht, dass man am Sonntag schon mit Grauen wieder auf den Beginn der Arbeitswoche blickt? Dass die mühsam zusammengesparte Erholung zum Wochenstart hin wieder futsch ist?

Hier erleben wir wieder eine Illusion. Nämlich, dass die Arbeit irgendwann erledigt ist. Wir zerlegen sie in kleine Teile. In Tage, Wochen, Jahre. Wir mühen uns an den Arbeitstagen ab, um das kleine bisschen Erholung zu genießen, das wir uns ‚verdient‘ haben. Dabei übersehen wir, dass wir in unserem Job nie wirklich fertig sind. Selbst wenn wir in Rente gehen, werden andere kommen und unseren Platz einnehmen. Wenn wir am Montag ins Büro kommen (oder wo wir sonst arbeiten), dann gibts da immer was zu tun. Wir arbeiten nicht, um etwas fertig zu bekommen. Wir arbeiten, damit der Laden läuft. Und nicht nur der Betrieb, das Unternehmen in dem wir tätig sind. Wir sind Teil eines großen Netzwerkes, in dem jeder seinen Beitrag leistet. Einige bauen Gemüse an, andere fahren es in die Supermärkte und wieder andere verkaufen es. Dann gibts die Menschen, die sich darum kümmern, dass das alles finanziert werden kann. Dann gibts die Forscher, die neue Systeme entwickeln, damit wir auch zukünftig gut leben können. Und natürlich die Menschen, die uns helfen, wenn wir in Not geraten, bedroht werden oder krank. Zu guter Letzt arbeiten Künstler verschiedenster Art daran, andere Menschen zu erfreuen oder Denkanstöße zu liefern.

Wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns in unserer Freizeit unbedingt von unserem Job distanzieren müssen, dann hat das oft eine Ursache: Frust. Wir sehen nicht, wir wichtig wir sind. Was wir mit unserem Beitrag wirklich leisten. Vielleicht würden wir auch gern mehr geben, als wir gerade können. Perfide wird es dann, wenn wir uns auf die Illusion von Frei-Zeit, Feier-Abend und Wochen-Ende stürzen. Dann ignorieren wir den Frust, der sich noch tiefer in unser Inneres bohrt, uns blockiert und krank macht.

Was tun gegen den Frust?

Wichtig ist, in Kontakt mit unseren Gefühlen zu kommen. Und dann gilt es, dass wir Verantwortung übernehmen. Wir haben nichts davon, wenn wir unserem Chef Unfähigkeit vorwerfen. Wenn wir uns über die Umstände beklagen oder sogar in Lästereien verfallen. Dadurch erlauben wir dem Frust nur, uns immer mehr aufzufressen. Und am Ende eines (Arbeits-)Lebens stehen wir dann da und fragen uns: War es das wirklich wert?

Verantwortung übernehmen heißt, dass wir erkennen, was uns gut tut, und danach handeln. Wir müssen nicht einmal unseren Job kündigen. Wir dürfen anerkennen, wie wertvoll unsere Arbeit ist – und ja, auch welche Herausforderungen darin stecken. Und wenn wir merken, dass wir in diesem Betrieb nicht glücklich werden: Was hält uns ab, die Stelle zu wechseln? Oder besser gefragt: Was hält uns ab, unser Leben so zu leben, dass wir selbst stolz drauf sein können? Dass wir am Ende darauf zurückblicken und sagen, dass wir uns richtig entschieden haben.


Beitragsbild von Simon Abrams auf Unsplash.com

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