Nur mal kurz

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Ich muss aufs Klo. Meine Blase drückt schon seit Stunden, während ich einem guten Dutzend Patienten beim Toilettengang geholfen habe. Aber ich muss nur noch kurz Berichte schreiben, meinen Kollegen eine Übergabe machen und dann habe ich Feierabend.

„Darf ich mal kurz?“, fragt eine Ärztin und macht sich über die Patientenkurven her, in die ich gerade das Wichtigste vom Tag eintragen wollte. „Du kriegst sie gleich wieder, wenn ich die Anordnungen geschrieben habe.“
Nun gut. Ich muss sowieso noch die LEP-Erfassung am Computer machen. Routiniert klicke ich die Felder ab und hoffe, dass ich meine Kurven schnell zurück bekomme.

Es klingelt. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Schülerin zum Zimmer laufen. Gut so. Ein paar Sekunden mehr für mich. Doch gleich nachdem der lästige Pfeifton verschwunden ist, streckt die Schülerin ihren Kopf aus dem Zimmer.

„Florian, kannst du mal kurz…?“ Einen kurzen Moment lang starre ich den Monitor an, seufze und helfe der Schülerin, eine Patientin zur Toilette zu bringen. Die Bettnachbarin fragt freundlich, ob ich nicht das Fenster zumachen könnte. „Es zieht immer so.“
„Natürlich, gerne“, sage ich mit einem Lächeln. Die Frau könnte selbst zum Fenster laufen, aber ich habe jetzt keine Zeit für lange Diskussionen. Immerhin besteht Hoffnung, dass die Ärztin in der Zwischenzeit mit ihrer Kurvenvisite fertig ist.

Als ich zum Schreibtisch zurückehre, sitzt mein Kollege am Computer und hat mich bereits ausgeloggt. „Nur kurz“, meint er. „Bin gleich weg.“
Ungeduldig trommle ich mit den Fingern auf meinem Unterarm. Da sehe ich schon die Kollegen vom Spätdienst anrücken. Meine Kurven habe ich noch nicht zurück.
„Na, wie ist es?“, fragt mich eine ausgeschlafene Kollegin.
„Wie immer.“ Ich lächle vielsagend.

Mein Kollege räumt den PC-Platz, den ich augenblicklich besetze, um noch ein paar Punkte abzuhaken. Es nähern sich Schritte von hinten. Ist das die Ärztin?
„Entschuldigung“, fragt mich eine Stimme, die dem Physiotherapeuten gehört.
„Ja, bitte?“, entgegne ich.
„Wie geht es denn Frau Bayer heute?“
„Wie immer. Ist schon zu Fuß im Bad gewesen.“
„Oh gut.“ Der Physiotherapeut macht sich an seine Arbeit.

Während ich weiter Daten in den PC einhacke, taucht auf der anderen Seite der Theke ein freundlich-verwirrtes Gesicht auf. Ich klicke noch die letzten Punkte ab, dann hebe ich meine Augen und begrüße den Neuankömmling.
„Guten Tag“, erwidert der Mann. „Ich komme zur Aufnahme.“
„Jetzt?“ Mit einem Blick auf die Uhr vergewissere ich mich, dass ich nur noch fünf Minuten bis zur Übergabe habe.
„Man hat mich hierher geschickt.“ Der Mann sieht unsicher zu seiner Frau, die sich nun nach vorne drängt.
„Erwin Müller“ Sie deutet auf ihren Gatten. „Geboren am…“
„Ja, ist schon gut.“ Ich bemühe mich um ein freundliches Lächeln und schaue mich nach der Stationssekretärin um, die mir mit einem halben Brötchen im Mund zu verstehen gibt, dass sie gerade früher Feierabend machen will.
„Tschimmer Acht“, nuschelt sie mir zu, während sie sich ihren Korb schnappt und verschwindet. Mein Blick folgt ihr einen Moment fassungslos, dann nehme ich mich zusammen und lächle mein routiniertes Lächeln. Innerlich zerknirscht und mit steigendem Blasendruck begebe ich mich auf die andere Seite der Theke und begleite den Patienten in sein neues Zimmer. Ich frage mich, wo eigentlich die Flüssigkeit in meiner Blase herkommt. Ich habe doch so gut wie gar nichts getrunken.
„Ich zeige ihnen kurz das Zimmer“, sage ich, während ich die Folie vom Bett reiße und im Eiltempo die Klingel und den Safe erkläre.
„Und wie ist das mit Telefon?“, fragt die Ehefrau. „Nur kurz, ich sehe ja, dass sie zu tun haben.“
„Runter, Cafeteria, Automat, Karte holen, einstecken, fertig.“
„Ähm – vielen Dank, Herr Pfleger.“
„Sehr, sehr gerne“

Auf dem Flur kommt mir die Ärztin mit meinen Kurven entgegen: „Florian, nur kurz. Frau Hoppenstedt muss heparinisiert werden. Machst du ihr bitte einen Perfusor mit fünfhundert Einheiten fertig?“
„Jetzt?“
„Am besten schon vor ’ner halben Stunde. Ich kam gerade erst dazu, mir die Gerinnungswerte anzusehen. Dauert ja nicht lange.“ Sie drückt mir die Kurven in die Hand und verschwindet in Richtung Personaltoilette.
Durchatmen, Florian. Dann müssen die Kollegen eben ein paar Minuten warten. Schnell die Kurven weggebracht und ab in den Spritzenraum. Natürlich hat jemand die letzte Perfusorspritze genommen und ich suche in den Schränken, bis ich einen vollen Karton entdecke.

„Florian, kann ich dich kurz was fragen?“ Die Schülerin steht neben mir.
„Aber nur ganz kurz“
„Darf Frau Jeck eigentlich aufstehen?“
„Die ist doch schon alleine aufgestanden“
„Ja, aber sie fragt, weil sie zur Toilette muss“
„Das muss ich auch“
„Also darf ich ihr helfen?“
„Sie kann das alleine“
„Soll ich ihr das sagen?“
Tieeef durchatmen. „Ich geh‘ selber hin“
Mit dem Perfusor im Schlepptau haste ich zum Zimmer von Frau Jeck und öffne die Tür.
„Frau Jeck, sie können ruhig alleine aufstehen!“, rufe ich vom Eingang aus.
„Isch weeß. Isch komm nur mitte Kaabels hier nitt klaar“
Ich löse kurz das Klingelkabel von der Infusionsleitung und die Kopfhörer vom Drainageschlauch und die Patientin macht sich schnaufend auf dem Weg zum WC.
„Meene Blase drückt auch schon janz dolle“, sagt sie mir und ich schenke ihr einen verständnisvollen Blick.

Ich gehe kurz ins Nachbarzimmer und schließe Frau Hoppenstedt an den Perfusor an. Als ich aus dem Zimmer komme, gehen draußen drei Schellen, während die Schülerin seelenruhig den Kaffeewagen desinfiziert.
„Kannst du da mal kurz hingehen?“, rufe ich ihr zu und schnappe mir die Patientenkurven, um meine Übergabe zu machen. Ich schließe die Tür zum Schwesternzimmer, während meine Kollegin am Kaffee nippt.

„Na, Stress?“, fragt sie.
„Hab noch einiges zu schreiben“, entgegne ich.
„Dann machst du eben kurz Übergabe und schreibst danach. Geht ja schnell, ich kenn‘ die Patienten ja noch von gestern“
„So hatte ich mir das gedacht“ Ich lächle. Noch besteht Hoffnung, zumindest pünktlich rauszukommen. Ich schlage die erste Kurve auf. „Also, Herr Bülau…“
Die Tür geht auf und der Stationsleiter kommt herein. „Florian, kann ich dich kurz sprechen?“
„Wie kurz?“
„Ganz kurz.“ Niemand lächelt.
„Kannst du morgen auch nen Spätdienst machen?“
„Ja, gerne.“ Ich finde mein Lächeln wieder, denn ein Spätdienst hieße, ich könnte mal wieder ausschlafen.
„Gut, dann trag ich das so ein. Das wars schon.“
„Gut.“
Die Tür knallt zu und ich widme mich wieder meiner Übergabe. „Also, Herr Bülau, kommt mit…“
„Florian? Nur kurz noch…“ Der Stationsleiter steht schon wieder in der Tür.
„Was?“
„Ich habe mich vertan. Du hast morgen doch Frühdienst.“
„O-kay. Also wie gesagt, Herr Bülau. Kennst du? War nichts heute. Frau G…“
Es klopft. „Florian, die Frau Güdel hat kurz eine Frage.“
„Kann das nicht warten?“
„Sie sagt, es ist wichtig.“
Ich schaue meine Kollegin an. „Wartest du kurz?“ Sie sieht ähnlich zerknirscht aus wie ich.

Mit steigender Anspannung und mittlerweile schmerzender Blase hetze ich den langen Flur hinunter und reiße die Zimmertür auf.
„Was gibts, Frau Güdel? Wir machen gerade Übergabe.“
„Ich weiß doch, ich weiß“, erklärt sie ruhig. Ich habe den Eindruck, die Patientin befindet sich gerade in einer anderen Zeitrechnung als ich. „Ich werde doch gleich entlassen, junger Mann, und da wollte ich mich für die gute Pflege bedanken. Hier, das ist für Sie persönlich, nicht für die Kaffeekasse.“ Sie hält mir einen Zwanziger hin.
„Danke, Frau Güdel, aber Sie brauchen mir nichts…“
„Ach, nun nehmen Sie schon…“
„…mein Arbeitgeber bezahlt mich bereits…“
„Junger Mann, ein kleiner Bonus…“
„Jetzt hören Sie mir mal zu, Frau Güdel! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln und hab auch noch einen Haufen Berichte zu schreiben. Seit einer halben Stunde versuche ich, meiner Kollegin eine Übergabe zu machen und Sie lassen mich rufen, um mir Geld zu schenken? Ich renne mir den ganzen Tag die Hacken ab und Sie meinen, ich brauche mehr Geld?“
„Also …“
„Für das Geld bekomme ich auch nicht mehr Ruhe. Geld hilft mir nicht dabei, meinen Patienten zu erklären, dass wir hier in einem Krankenhaus und nicht in einem Hotel sind. Von Geld kann ich mir keine Freizeit kaufen und auch keine Kollegen, die mir bei der Arbeit helfen. Wenn Sie mir was Gutes tun wollen, nerven Sie unseren Gesundheitsminister. Investieren Sie die zwanzig Euro in Briefmarken und beschweren Sie sich über die schlechte Pflegesituation. Oder rufen Sie im Fünf-Minuten-Takt an und sagen, Sie wollten ihn mal kurz sprechen.“

Ich lasse die alte Dame stehen und unternehme einen weiteren Versuch, endlich eine Übergabe zu machen. Auf dem Weg zum Schwesternzimmer greife ich beiläufig in meine Kitteltasche und finde einen Zwanziger darin. Ich stecke ihn in die Kaffeekasse.

Ich muss aufs Klo. Meine Blase drückt schon seit Stunden, während ich einem guten Dutzend Patienten beim Toilettengang geholfen habe. Aber ich muss nur noch kurz Berichte schreiben, meinen Kollegen eine Übergabe machen und dann habe ich Feierabend.
„Darf ich mal kurz?“, fragt eine Ärztin und macht sich über die Patientenkurven her, in die ich gerade das Wichtigste vom Tag eintragen wollte. „Du kriegst sie gleich wieder, wenn ich die Anordnungen geschrieben habe.“
Nun gut. Ich muss sowieso noch die LEP-Erfassung am Computer machen. Routiniert klicke ich die Felder ab und hoffe, dass ich meine Kurven schnell zurück bekomme.
Es klingelt. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Schülerin zum Zimmer laufen. Gut so. Ein paar Sekunden mehr für mich. Doch gleich nachdem der lästige Pfeifton verschwunden ist, streckt die Schülerin ihren Kopf aus dem Zimmer.
„Florian, kannst du mal kurz…?“ Einen kurzen Moment lang starre ich den Monitor an, seufze und helfe der Schülerin, eine Patientin zur Toilette zu bringen. Die Bettnachbarin fragt freundlich, ob ich nicht das Fenster zumachen könnte. „Es zieht immer so.“
„Natürlich, gerne“, sage ich mit einem Lächeln. Die Frau könnte selbst zum Fenster laufen, aber ich habe jetzt keine Zeit für lange Diskussionen. Immerhin besteht Hoffnung, dass die Ärztin in der Zwischenzeit mit ihrer Kurvenvisite fertig ist.
Als ich zum Schreibtisch zurückehre, sitzt mein Kollege am Computer und hat mich bereits ausgeloggt. „Nur kurz“, meint er. „Bin gleich weg.“
Ungeduldig trommle ich mit den Fingern auf meinem Unterarm. Da sehe ich schon die Kollegen vom Spätdienst anrücken. Meine Kurven habe ich noch nicht zurück.
„Na, wie ist es?“, fragt mich eine ausgeschlafene Kollegin.
„Wie immer.“ Ich lächle vielsagend.
Mein Kollege räumt den PC-Platz, den ich augenblicklich besetze, um noch ein paar Punkte abzuhaken. Es nähern sich Schritte von hinten. Ist das die Ärztin?
„Entschuldigung“, fragt mich eine Stimme, die dem Physiotherapeuten gehört.
„Ja, bitte?“, entgegne ich.
„Wie geht es denn Frau Bayer heute?“
„Wie immer. Ist schon zu Fuß im Bad gewesen.“
„Oh gut.“ Der Physiotherapeut macht sich an seine Arbeit.
Während ich weiter Daten in den PC einhacke, taucht auf der anderen Seite der Theke ein freundlich-verwirrtes Gesicht auf. Ich klicke noch die letzten Punkte ab, dann hebe ich meine Augen und begrüße den Neuankömmling.
„Guten Tag“, erwidert der Mann. „Ich komme zur Aufnahme.“
„Jetzt?“ Mit einem Blick auf die Uhr vergewissere ich mich, dass ich nur noch fünf Minuten bis zur Übergabe habe.
„Man hat mich hierher geschickt.“ Der Mann sieht unsicher zu seiner Frau, die sich nun nach vorne drängt.
„Erwin Müller“ Sie deutet auf ihren Gatten. „Geboren am…“
„Ja, ist schon gut.“ Ich bemühe mich um ein freundliches Lächeln und schaue mich nach der Stationssekretärin um, die mir mit einem halben Brötchen im Mund zu verstehen gibt, dass sie gerade Feierabend machen will.
„Tschimmer Acht“, nuschelt sie mir zu, während sie sich ihren Korb schnappt und verschwindet. Mein Blick folgt ihr einen Moment fassungslos, dann nehme ich mich zusammen und lächle mein routiniertes Lächeln. Innerlich zerknirscht und mit steigendem Blasendruck begebe ich mich auf die andere Seite der Theke und begleite den Patienten in sein neues Zimmer. Ich frage mich, wo eigentlich die Flüssigkeit in meiner Blase herkommt. Ich habe doch so gut wie gar nichts getrunken.
„Ich zeige ihnen kurz das Zimmer“, sage ich, während ich die Folie vom Bett reiße und im Eiltempo die Klingel und den Safe erkläre.
„Und wie ist das mit Telefon?“, fragt die Ehefrau. „Nur kurz, ich sehe ja, dass sie zu tun haben.“
„Runter, Cafeteria, Automat, Karte holen, einstecken, fertig.“
„Ähm – vielen Dank, Herr Pfleger.“
„Sehr, sehr gerne.“
Auf dem Flur kommt mir die Ärztin mit meinen Kurven entgegen: „Florian, nur kurz. Frau Hoppenstedt muss heparinisiert werden. Machst du ihr bitte einen Perfusor mit fünfhundert Einheiten fertig?“
„Jetzt?“
„Am besten schon vor ’ner halben Stunde. Ich kam gerade erst dazu, mir die Gerinnungswerte anzusehen. Dauert ja nicht lange.“ Sie drückt mir die Kurven in die Hand und verschwindet in Richtung Personaltoilette.
Durchatmen, Florian. Dann müssen die Kollegen eben ein paar Minuten warten. Schnell die Kurven weggebracht und ab in den Spritzenraum. Natürlich hat jemand die letzte Perfusorspritze genommen und ich suche in den Schränken, bis ich einen vollen Karton entdecke.
„Florian, kann ich dich kurz was fragen?“ Die Schülerin steht neben mir.
„Aber nur ganz kurz.“
„Darf Frau Jeck eigentlich aufstehen?“
„Die ist doch schon alleine aufgestanden.“
„Ja, aber sie fragt, weil sie zur Toilette muss.“
„Das muss ich auch.“
„Also darf ich ihr helfen?“
„Sie kann das alleine.“
„Soll ich ihr das sagen?“
Tieeef durchatmen. „Ich geh‘ selber hin.“
Mit dem Perfusor im Schlepptau haste ich zum Zimmer von Frau Jeck und öffne die Tür.
„Frau Jeck, sie können ruhig alleine aufstehen!“, rufe ich vom Eingang aus.
„Isch weeß. Isch komm nur mitte Kaabels hier nitt klaar.“
Ich löse kurz das Klingelkabel von der Infusionsleitung und die Kopfhörer vom Drainageschlauch und die Patientin macht sich schnaufend auf dem Weg zum WC.
„Meene Blase drückt auch schon janz dolle“, sagt sie mir und ich schenke ihr einen verständnisvollen Blick.
Ich gehe kurz ins Nachbarzimmer und schließe Frau Hoppenstedt an den Perfusor an. Als ich aus dem Zimmer komme, gehen draußen drei Schellen, während die Schülerin seelenruhig den Kaffeewagen desinfiziert.
„Kannst du da mal kurz hingehen?“, rufe ich ihr zu und schnappe mir die Patientenkurven, um meine Übergabe zu machen. Ich schließe die Tür zum Schwesternzimmer, während meine Kollegin am Kaffee nippt.
„Na, Stress?“, fragt sie.
„Hab noch einiges zu schreiben“, entgegne ich.
„Dann machst du eben kurz Übergabe und schreibst danach. Geht ja schnell, ich kenn‘ die Patienten ja noch von gestern.“
„So hatte ich mir das gedacht.“ Ich lächle. Noch besteht Hoffnung, zumindest pünktlich rauszukommen. Ich schlage die erste Kurve auf. „Also, Herr Bülau…“
Die Tür geht auf und der Stationsleiter kommt herein. „Florian, kann ich dich kurz sprechen?“
„Wie kurz?“
„Ganz kurz.“ Niemand lächelt.
„Kannst du morgen auch nen Spätdienst machen?“
„Ja, gerne.“ Ich finde mein Lächeln wieder, denn ein Spätdienst hieße, ich könnte mal wieder ausschlafen.
„Gut, dann trag ich das so ein. Das wars schon.“
„Gut.“
Die Tür knallt laut zu und ich widme mich wieder meiner Übergabe. „Also, Herr Bülau, kommt mit…“
„Florian? Nur kurz noch…“ Der Stationsleiter steht schon wieder in der Tür.
„Was?“
„Ich habe mich vertan. Du hast morgen doch Frühdienst.“
„O-kay. Also wie gesagt, Herr Bülau. Kennst du? War nichts heute. Frau G…“
Es klopft. „Florian, die Frau Güdel hat kurz eine Frage.“
„Kann das nicht warten?“
„Sie sagt, es ist wichtig.“
Ich schaue meine Kollegin an. „Wartest du kurz?“ Sie sieht ähnlich zerknirscht aus wie ich.
Mit steigender Anspannung und mittlerweile schmerzender Blase hetze ich den langen Flur hinunter und reiße die Zimmertür auf.
„Was gibts, Frau Güdel? Wir machen gerade Übergabe.“
„Ich weiß doch, ich weiß“, erklärt sie ruhig. Ich habe den Eindruck, die Patientin befindet sich gerade in einer anderen Zeitrechnung als ich. „Ich werde doch gleich entlassen, junger Mann, und da wollte ich mich für die gute Pflege bedanken. Hier, das ist für Sie persönlich, nicht für die Kaffeekasse.“ Sie hält mir einen Zwanziger hin.
„Danke, Frau Güdel, aber Sie brauchen mir nichts…“
„Ach, nun nehmen Sie schon…“
„…mein Arbeitgeber bezahlt mich bereits…“
„Junger Mann, ein kleiner Bonus…“
„Jetzt hören Sie mir mal zu, Frau Güdel! Ich muss schon seit drei Stunden pinkeln und hab auch noch einen Haufen Berichte zu schreiben. Seit einer halben Stunde versuche ich, meiner Kollegin eine Übergabe zu machen und Sie lassen mich rufen, um mir Geld zu schenken? Ich renne mir den ganzen Tag die Hacken ab und Sie meinen, ich brauche mehr Geld?“
„Also …“
„Für das Geld bekomme ich auch nicht mehr Ruhe. Geld hilft mir nicht dabei, meinen Patienten zu erklären, dass wir hier in einem Krankenhaus und nicht in einem Hotel sind. Von Geld kann ich mir keine Freizeit kaufen und auch keine Kollegen, die mir bei der Arbeit helfen. Wenn Sie mir was Gutes tun wollen, nerven Sie unseren Gesundheitsminister. Investieren Sie die zwanzig Euro in Briefmarken und beschweren Sie sich über die schlechte Pflegesituation. Oder rufen Sie im Fünf-Minuten-Takt an und sagen, Sie wollten ihn mal kurz sprechen.“
Ich lasse die alte Dame stehen und unternehme einen weiteren Versuch, endlich eine Übergabe zu machen. Auf dem Weg zum Schwesternzimmer greife ich beiläufig in meine Kitteltasche und finde einen Zwanziger darin.


Dieser Text entstand 2015 und ist einer von zwei Bonus-Texten in Der demente Vampir.

Beitragsbild von Tim Mossholder auf Unsplash.com.

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